Kewpies

Von Rose O’Neill, der Schöpferin der Kewpies habe ich euch schon einmal erzählt, heute dreht sich die Geschichte nicht um die Künstlerin, sondern um die kleinen Schutzengel mit den blauen Flügeln.

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„Nach den neuesten Gesetzen der Mode muss jedermann einen eigenen Schutzengel haben, den er, um seiner Sache ganz sicher zu sein, für alle vorkommenden Fälle auch bei sich trägt.“ Mit diesen prägenden Worten berichtete 1914 die Porzellan-Fachzeitschrift Sprechsaal ihrer erstaunten Leserschaft über ein Phänomen, das der Industrie riesige Aufträge sicherte und die Exportzahlen in die USA in die Höhe schnellen ließ.  Es handelte sich dabei um kleine, eigenartige Porzellanpüppchen, um Kewpies.

Lange vor der Erfindung der Barbiepuppe erblickten die Kewpies das Licht der Welt. In der Weihnachtsausgabe des Jahres 1909 der Zeitschrift Ladies Home Journal wurden einige Zeichnungen von Rose O’Neill veröffentlicht und kurze Zeit später erschien in den USA ein Kinderbuch, das ebenfalls von ihr illustriert worden war. Die lustigen Geschichten und Zeichnungen erzählten von eigenartigen Schutzengelchen, die mit ihren schelmischen Gesichtern, den großen Kulleraugen, einem verschmitzten Lächeln und dem typischen kleinen Kullerbauch die Herzen der Leser im Sturm eroberten.

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Im Jahr 1909 erschuf Rose O’Neill die Kewpies als Zeichnung und Anziehpuppen. Die Papierpuppen waren auf beiden Seiten farbig bedruckt, wurden ausgeschnitten und zusammen geklebt. Dazu gab es auch Kleidchen, Schuhe, Hüte und andere Utensilien zum Ausschneiden und Spielen. Rose O’Neill wurde immer öfter nach Kewpies zum Anfassen gefragt und so entwickelte sie 1913 mit Hilfe eines jungen Künstlers aus New York die Kewpie Puppe, ließ die Kewpies patentieren und als Marke eintragen.

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Das Import-Exporthaus für Puppen, Spielwaren und Porzellanartikel Borgfeld & Co. mit Sitz in New York war so begeistert von diesen kleinen Figuren, dass sich die Firma die Rechte für die plastische Herstellung der Figuren sicherte. Ein Problem war gelöst, aber wer sollte die Figuren produzieren?

Da die Thüringer Porzellanmacher einen sehr guten Ruf hatten, wurde eine deutsche Manufaktur mit der Produktion beauftragt. Die ersten Kewpies mit amerikanischen Wurzlen wurden also bei  J. D. Kestner im thüringischen Ort Ohrdruf aus Porzellan hergestellt. Ohrdruf? Die Puppenmanufaktur J. D. Kestner hatte ihren Sitz doch in Waltershausen, oder nicht? Haben die beiden etwas miteinander zu tun? Das klingt erst einmal verwirrend, ist aber ganz einfach.

J. D. Kestner war zu dieser Zeit das, was wir heute einen Großfabrikanten nennen. Die Kestners besaßen schon viele Jahre verschiedene Manufakturen, angefangen bei Werken für Hemdenknöpfen über Pappmache für Spielzeug und Puppen bis hin zur bekannten Puppenmanufaktur in Waltershausen. 1836 kam die Porzellanmanufaktur in der Haberlandstraße in Ohrdruf dazu. Die Porzellanpuppen oder Puppenteile wurden zwar in der Haberlandstraße 12 in Ohrdruf produziert, aber anschließend nach Waltershausen geliefert. Kestner war damals sozusagen der König der Puppenmacher und 1912 kam Rose O’Neill persönlich nach Deutschland um die Herstellung der ersten Kewpies aus Biskuitporzellan zu begutachten. Das Firmenlogo und die Puppenmarke war eine Krone mit einem eingeflochtenen Band. Auf diesem Band stand der Schriftzug Kronen Puppen Kestner.

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Die kleinen Püppchen wurden in neun verschiedenen Größen hergestellt, sie waren splitternackt, nur mit einem kleinen, herzförmigen Papieraufkleber bekleidet. Hie und da trugen sie ein mitmodelliertes Hemdchen, eine Kopfbedeckung oder hatten ein Musikinstrument in der Hand. Die besonderen Merkmale der Püppchen waren der breite, lachende Mund, die großen nach rechts oder links blickenden Augen, der freche Haarschopf mitten auf dem Kopf, die ausgebreiteten Arme und das dicke Bäuchlein.Der erste Kewpie war übrigens der Denker und diese kleine Puppe wurde 1912 zum Renner im amerikanischen Weihnachtsgeschäft.

Die Kewpies waren also ein Verkaufsschlager und schon bald war klar, dass die Firma Kestner mit ihrer Produktion der großen Nachfrage nicht nachkommen konnte. So wurden ungefähr zwanzig andere Firmen ebenfalls damit beauftragt, die Kewpies für Borgfeldt zu produzieren. Darunter waren auch Manufakturen wie die Ohrdrufer Firma Hertel, Schwab & Co. in der Suhler Straße Nummer 48 und Alt, Beck und Gottschalk in Nauendorf.

Die Puppen lösten in Amerika einen wahren Boom aus und innerhalb weniger Jahre war der amerikanische Markt mit den kleinen Puppen überschwemmt. Der Kewpieboom hielt die gesamten 20er und 30er Jahre an, erst ab dann flaute er langsam ab. Die Japaner erwarben ebenfalls, wenn auch vorerst nur für ein Jahr, eine Lizenz für die Herstellung der Puppe und im Land des Lächelns sind sie heute noch sehr beliebt. Besonders populär wurde die Kewpies im besetzten Japan nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Puppen, die aus dieser Zeit stammen und auch dort produziert worden sind, tragen die Aufschrift made in occupied Japan.

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Kleine, freche Kewpies gab und gibt es in allen Größen und den unterschiedlichsten Materialien. Zuerst wurden sie aus Porzellan später auch aus Celluloid hergestellt. Die Produktion mit Celluloid wurde aber nach einem Kaufhausbrand wegen der hohen Entflammbarkeit des Materials wieder eingestellt. Ab 1940 begann auch die Produktion in Hartplastik.

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Ihr lustiger Ausdruck ist zeitlos und spricht jeden an und ich glaube, in diesem Fall gibt es nichts, was es nicht gibt. Heute tanzen sie  auf Tassen, Tellern und Postkarten, huschen durch Zeitschriften und Magazine. Man kann sie als Aufkleber kaufen, sie werden auf T-Shirts und Taschen gedruckt, in Malbüchern kann man sie selbst bemalen oder als Bonbon auf der Zunge zergehen lassen.

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Diese Kewpies, die ihr hier auf den letzten drei Fotos seht,  wurden von R. John Wright, einem amerikanischen Puppenkünstler aus New York, kreiert. Er arbeitet seine Puppen immer mit Filz und formt daraus liebenswerte Figuren aus der Welt der Märchen, Comics oder Kinderbüchern. Sie sind etwas ganz besonderes und wurden in sehr kleinen Limitationen auf der ganzen Welt verkauft.

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Diese Kewpies kann man schon lange nicht mehr kaufen, aber die schelmischen Püppchen stehen hier bei uns im Museum von ARTlandya und ihr könnt sie jederzeit bewundern.  Außer am Montag – da bleiben unsere Tore geschlossen.

P. S.: In den USA waren die Kewpies übrigens so erfolgreich, dass dort noch immer der der 25. Juni als Kewpie-Day gefeiert wird. Der 25. Juni ist der Geburtstag der Kewpie-Erfinderin Rose O’Neill.

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Über ARTlandya - der Blog

Teneriffa ist eine ganz besondere Insel im Atlantik und auf ARTlandya, einer wunderschönen Finca in Icod de los Vinos erwartet euch eine verzauberte Welt mit KünstlerPUPPEN, TEDDYbären und viel Natur :-) Lasst euch überraschen und stöbert einfach in meinen Beiträgen!
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3 Antworten zu Kewpies

  1. Pingback: Rose O’Neill | InselLEBEN einmal anders …

  2. Nagel Carmen schreibt:

    Toll danke für die Infos 😉 ich wusste mit dem Begriff garnix anzufangen .

    Aber schau mal hier >>> http://www.ebay.com/sch/Kewpie-Dolls/4632/bn_16563367/i.html

    da kann man noch Puppen kaufen

    Gefällt 1 Person

    • Danke für den Link Carmen aber wir stellen nur Puppen von zeitgenössischen Puppenkünstlern aus. Die Geschichte der Puppe gehört aber auch mit dazu und deshalb erzählen wir unseren Besuchern auch den Hintergrund der heutigen Kunst. Liebe Grüße 🙂

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