Taganana im Anaga

Im Nordosten von Teneriffa findet man eine unvergleichlich schöne Landschaft. Schroffe Berge, grüne Terrassen, tiefe Täler, moosige Wälder, kleine Bächlein.  Eine märchenhaft Kulisse – am Nachmittag oft von Nebelschwaden umweht – das Anaga Gebirge. Damit diese Landschaft erhalten werden kann, wurde schon im Jahr 1987 ein Naturpark gegründet, der 1994 als Parque Rural de Anaga unter besonderen Schutz gestellt wurde.

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Fährt man durch den kurzen, dunklen Tunnel Richtung Küste, sieht man nach einer scharfen Linkskurve weit unten im Tal eine verstreute Ansammlung von Häusern, die sich an die Hügel schmiegt. Es ist der größte Ort im Anaga Gebirge – Taganana. Bis 1960 musste man sich noch zu Fuß auf den Weg hier her machen. Oder man hatte das Glück einen Esel zu besitzen, auf dem man zu diesem Teil der Insel reiten konnte.  Doch die Zeiten haben sich zum Glück geändert und heutzutage findet sogar der grüne TITSA Bus den Weg in diese Gegend. Aber wieder zurück zu Taganana. Schon der Name hat einen besonders harmonischen, wenn auch fremdartigen Klang und wenn man nicht aufpasst ist man ganz schnell am Ort vorbei gefahren.

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War da überhaupt ein Dorf?  Von der Hauptstrasse aus gesehen ist Taganana nicht wirklich vorhanden  und durch die Gassen mit dem Auto fahren zu wollen ist keine gute Idee! Ihr würdet nicht weit kommen oder nach kurzer Zeit einfach feststecken. Im Ort selbst fahren so gut wie keine Autos, denn die Wege sind meistens nicht breiter als ein Auto, also sehr eng, verwinkelt und relativ steil. Deshalb ist es am besten, seinen fahrbaren Untersatz  auf dem kleinen Parkplatz direkt an der Hauptstrasse  zu parken. Dann steht einer Erkundung der Welt von Taganana zu Fuss nichts mehr im Wege.

Es war einmal ein fruchtbares Tal mit genügend Trinkwasser und grünem Weideland. Bis ans Ende des 15. Jahrhunderts lebten hier die Ureinwohner der Insel, die Guanchen, ganz friedlich mit ihren Tieren. Weil ziemlich viele, große Felsbrocken in der ganzen Gegend verteilt waren, nannten sie diesen Ort die Stelle der Felsen. Taganana soll aus der Sprache der Guanchen abgeleitet sein und soviel wie umgeben von Bergen bedeuten. Das Tal lag ziemlich abgeschieden und war schwer zu erreichen und deshalb konnte sich wahrscheinlich niemand vorstellen, dass sich daran irgendwann irgendetwas ändern könnte.

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Doch das friedliche Leben wurde durch die Eroberung Teneriffas im Jahr 1496 durch die Spanier jäh beendet. Das Land wurde, wie üblich, zwischen Eroberern und Siedlern aufgeteilt und 1501 wurde der Ort Taganana von Alonso Fernández de Lugo gegründet. Es war die erste Siedlung der Region, wo sich später der Sitz der Rechtssprechung dieses Gebiets befinden sollte. Reich und wohlhabend sollte diese Gegend werden und so wurde Zuckerrohr angebaut. Es war ein ehrgeiziger Plan – Taganana und das Gebiet rundum sollte zum einflussreichsten Gebiet für Zuckerrohranbau werden! Aus diesem Grund holte man Fachleute für den Zuckeranbau von der portugiesischen Insel Madeira nach Teneriffa. So entstand Portugal, el Barrio de Portugal, der älteste Ortsteil von Taganana. Laut einigen Aufzeichnungen könnte es sogar die erste europäische Siedlung dieser Region nach der Eroberung der Insel gewesen sein und vielleicht wurde sogar der erste Weinberg von Teneriffa 1497 vom Portugiesen Fernando De Castro genau hier angepflanzt. Aber das ist nur eine Erzählung.

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Die erste Herausforderung für einen florierenden Handel war die Abgeschiedenheit dieses Teiles der Insel. Dieses Problem musste als erstes in Angriff genommen werden, denn die bestehenden Wege die von den Guanchen benutzt worden sind, waren für größere Transporte ungeeignet. Die Hohlwege waren zu schmal. Also musste gebaut werden, der königliche Handelsweg, el Camino Real de Las Vueltas, entstand zu dieser Zeit. San Andrés und Taganana waren die wichtigsten Orte im Anaga Gebirge und die neuen Siedler schufen damit eine zusätzliche und gute Verbindung nach La Laguna. Über diesen, wenn auch kurvigen Weg, konnte man den Zucker dann in die große Stadt transportieren und verkaufen.

Auch diese Zeiten hatten ein Ablaufdatum und als das große Geschäft mit dem süßen Zucker und damit auch der Zuckerrohranbau endete, wurde auf den vorhandenen Terrassen hauptsächlich Wein angebaut. Die Landschaft bestand plötzlich fast nur aus Weinbergen und der Wein wurde zu einem wichtigen Teil des Wirtschaftsleben. Das kann man auch noch an den vielen alten Weinpressen erkennen. Man findet sie überall in der Umgebung des Dorfes.

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1813 wurde Taganana unter der Verfassung von Cádiz zur unabhängigen Gemeinde erklärt – bis die Gemeindeväter im Jahr 1850 um Hilfe von Santa Cruz ansuchten. Der Ort hatte einfach zu wenig Geld, die Gemeinde war wirtschaftlich am Ende. 1859, nur neun Jahre später wollten die Bewohner ihre Gemeinde wieder selbst verwalten und haben um die Rückgabe des Rathauses gebeten. Doch daraus ist nichts geworden, Taganana gehört seitdem zum Verwaltungsgebiet von Santa Cruz.

Das ehemalige Gemeindegebiet von Taganana war sehr groß. Es erstreckte sich vom Barranco Taborno bis zum Roque von Antequera, auch die Gemeinde und das Tal von San Andrés waren eingeschlossen. Außerdem gehörten  die Bewohner und damit die Steuern und Einnahmen der Orte Taborno, Afur, Almáciga, Benijo, El Draguillo und Las Palmas an der Spitze von Anaga zu Taganana. Ein weitläufiges, abgelegenes Gebiet – und die Hauptstadt Santa Cruz war weit weg! Die Gemeindeväter des Städtchens gründeten im Jahr 1868 sogar wieder ein revolutionäres und illegales Rathaus, das bis 1877 bestand. Doch das war es dann schon, unabhängig ist der Ort trotzdem nie wieder geworden obwohl die Gemeinde bis 1967 sogar einen Bürgermeister hatte. Die Hoffnung ist hier zuletzt gestorben. Das kann heute sogar jeder Tourist an der Beschriftung der Mülltonnen erkennen. Santa Cruz de Tenerife hat diesen Kampf am Ende gewonnen.

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Taganana hat also kein Rathaus und keine eigene Verwaltung, dafür stehen auf dem Dorfplatz gleich zwei Kirchen. La Iglesia de Nuestra Señora de las Nieves y San Blas, eine aus dem 16 Jahrhundert stammende Kirche und die Kapelle Ermita de Santa Catalina Mártir de Alejandría, mit der zweiten, wichtigen Heiligen des Ortes.

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La Ermita de Santa Catalina wurde 1621, also im 17. Jahrhundert gebaut und hat eine abwechslungsreiche Geschichte hinter sich. Zuerst war es die katholische Kirche für die Siedler, aber ab 1800 wurde das Gebäude als Lagerraum genutzt. Sie wurde im Jahr 1840 kurzerhand zum Leichenhaus umfunktioniert und seit 1985 diente das Gebäude als Ausstellungssaal und sogar als Kino.  Ein richtiges Mehrzweckgebäude also. Ach ja, die aktuelle Kirche von Taganana, La Iglesia de Nuestra Señora de las Nieves, und der Platz drumherum wurden im Jahr 2008 zum Kulturerbe der Kanarischen Inseln, Bien de Interés Cultural de Canarias, erklärt. Die Holzschnitzereien in der Kirche wurden übrigens von einem französischen Kriegsgefangenen der napoleonischen Zeit aus Dankbarkeit für seine gute Aufnahme in Taganana angefertigt.

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Der wichtigste öffentliche Brunnen, La Pianole, wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gebaut. Mit diesem Brunnen, der fast mitten im Dorf steht, wurde das Leben der Bewohner schlagartig besser. Jetzt konnten sie hier ihr tägliches Wasser am Brunnen holen und mussten nicht, wie vorher jeden Tag in die Schlucht steigen, um das Wasser aus dem Bach zu schöpfen.  Und noch etwas ist hier anders als in anderen Landschaftsbildern auf der Insel. Ihr habt es sicher auf den Fotos schon gesehen, in dieser Gegend wachsen auffällig viele Drachenbäume. Einige Exemplare in Taganana sind wirklich prachtvoll. Sie recken sich sogar meistens sehr geradwüchsig, sattgrün und sehr gesund in den dunkelblauen Himmel.

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Über ARTlandya - der Blog

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3 Antworten zu Taganana im Anaga

  1. Michael von Levetzow schreibt:

    Zuerst das Kompliment: Du hast gut recherchiert und beschrieben. Ich mag das jetzt nicht mit noch mehr Details überfrachten. Aber eins kann ich mir nicht verkneifen, weil Du von den vielen Dragos schreibst. Das liegt natürlich daran, dass sie auf dieser Höhenstufe genau das Klima finden, in dem sie ihren Fähigkeiten nach am Besten gedeihen. Es ist die Stufe des Bosque termófilo, der wärmeliebenden Waldes, zu deren charakteristischen Baumarten neben dem Drago auch die Kanarische Palme und der Kanarische Wacholder gehören. Alle drei Arten wurden teilweise sehr rücksichtslos abgeholzt. Hier im nördlichen Anaga eben nicht. Im Gegensatz zur wesentlich besser erhaltenen bzw. wieder aufgeforsteten Laurisilva ist der Bosque termófilo, der noch artenreicher und botanisch wertvoller als der Lorbeerwald gewesen sein soll, weitgehend verschwunden. Eine Folge der Landwirtschaft, die vor allem in dieser Höhenstufe und diesem Klima von Anfang an betrieben wurde. Fast nur auf der Anaga-Halbinsel, also auch im Raum von Taganana finden sich nennenswerte Reliktbestände dieser Kostbarkeit. Einer ihrer besonderen Exponenten ist eben der Drago. Das schönste und größte Exemplar gehört übrigens zum alten Pfarrhaus des Ortes, das dort nicht unmittelbar neben der Kirche Nuestra Señora de las Nieves, sondern auf dem Bergrücken darüber steht. Es ist auch schon seit mehreren Hundert Jahren dort bezeugt.

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    • Herzlichen Dank für diese interessante Ergänzung! In diesem Fall bist du der Experte und für mich ist es ziemlich schwer, an diese Informationen zu kommen. Ich freue mich über jeden Beitrag 🙂
      Liebe Grüße aus Icod nach Puerto!

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  2. Pingback: Roque de Las Bodegas | InselLEBEN einmal anders …

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