La Casona y Ermita de San Antonio

Verlassene Häuser und Plätze, Wände mit Patina, verwaiste Zimmer. Orte, die dem Verfall preisgegeben sind, haben für mich einen ganz besonderen Reiz. ✿ Vor allem als Fotomotiv – aber mich interessiert auch die Geschichte, die sich dahinter verbirgt. Auf Teneriffa kann ich in dem Fall aus dem Vollem schöpfen, denn verlassene und halb verfallene Häuser gibt es hier fast an jeder Ecke.

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Oft sind es riesengroße Anwesen mit ehemaligen Herrenhäusern, Kapellen und allem was zum feudalen Leben dazu gehörte. Glanz und Pracht ist schon lange verblichen und in den meisten Fällen bröckeln die ehemals herrschaftlichen Mauern traurig vor sich hin. In einigen Jahren werden viele dieser geschichtsträchtigen Zeugen einfach verschwunden sein. Schade, dass heute noch niemand erkennen will, wie wichtig die Erhaltung der historischen Spuren ist. Die Wurzeln der Geschichte werden einfach mit einem Schulterzucken gekappt. Die Vergangenheit wird vergessen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Herzstück von San Antonio, einem Ortsteil von Puerto de la Cruz. La Casona y Ermita de San Antonio zerfällt, von der Außenwelt fast unbemerkt, still und leise und das, obwohl nur ein paar Meter davon entfernt ein Hotel neben dem anderen steht und tausende Touristen in dieser Gegend ihren Urlaub verbringen.

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La Casona y Ermita de San Antonio

Hier steht das ehemalige Schmuckstück nun, die Mauern des Haupthauses so halbwegs mit dicken Eisentraversen abgestützt und mit zugemauerten Türöffnungen. Warum ein Teil der Außenmauern mit einem neuen Verputz und frischer Farbe verschönert wurde, ist für mich ein Rätsel. Sinn ergibt diese Aktion keinen.

Aber wer achtet auch schon auf eine mit Eisenstützen abgesicherte alte, schäbige Fassade die von prächtigen Alleebäumen abgeschirmt wird? Außerdem stehen immer wieder Ruinen zwischen schnuckeligen, bunten Häusern, dort und da stößt man auf vergammelte Hinterhöfe und in den engen Gassen klappern schiefe Fensterläden an zerbrochene Fensterscheiben. ✿  Typisch spanisch werden jetzt viele sagen, ich glaube aber nicht, dass es ein spanisches Phänomen ist, es ist ein Zeichen unserer modernen Wegwerfgesellschaft, ein Zeichen der Gegenwart.

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Doch La Casona y Ermita de San Antonio ist ein ganz besonderes Anwesen auf einem Stück Land mitten in Puerto de la Cruz und einer seiner bekanntesten Bewohner war Nicolás Blanco, der erste Bürgermeister dieser Stadt.

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Erbaut wurde das Gebäude vor einigen hundert Jahren von einem spanischen Ehepaar. Antonio José Borges Témudo, ein Leutnant des königlichen Steueramtes von Spanien, und seine Ehefrau María Perera y Guervalán haben um 1750 das Herrenhaus und die Kapelle des San Antonio de Padua bauen lassen. Zu dieser Zeit stand das Anwesen stolz und frei inmitten von Feldern und Wiesen außerhalb der Stadt. Das Landgut hatte damals eine Fläche von doce fanegadas, also zwölf Fanegas, das sind umgerechnet sechzigtausend Quadratmeter.

Der Fanega, je nach Region auch Fanegada oder Fanga genannt, wurde in Brasilien, Portugal und anderen südamerikanischen Staaten als Getreidemaß verwendet, in Spanien wurde es zu dieser Zeit aber auch als Flächenmaß angewandt. Die Gebäude des Anwesens bestanden aus landwirtschaftlichen Räumen im Erdgeschoss, einer großen Küche und einigen Lagerräumen, den Wohnräumen im erstem Stock und einer Kapelle für den Schutzheiligen.

Das Ehepaar vererbte das ganze Anwesen ihren beiden Enkelinnen. Die beiden Frauen lebten als Nonnen im Kloster Catalino von Orotava und im Jahr 1772 verkauften sie ihren Besitz an den irischen Kaufmann Nicolás Blanco. Diese vermögende Familie, Kaufmänner mit irischen Wurzeln, hatte ihren Hauptwohnsitz in der Casa de Ventoso, direkt in Puerto de la Cruz. In diesem Hause wurde, soviel ich weiß, im vergangenen Jahrhundert eine Schule, el Colegio de Los Agustinos, untergebracht. Aber das ist eine andere Geschichte …

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Als neuer Besitzer gestaltete Nicolás Blanco das zweigeschossige Wohnhaus und das gesamte Anwesen inklusive Garten vollkommen um. Er veranlasste auch den Ausbau der kleinen Kapelle und damit sie weiterhin innerhalb des Gutes blieb, erhöhte  und erweiterte er die äußeren  Begrenzungsmauern. Die herrschaftliche Villa von San Antonio benutzte die Familie allerdings nur noch als Zweitwohnung und als Landhaus zur Erholung in der Umgebung der Stadt. Heute würde man vielleicht Wochenendhaus dazu sagen, oder? Ein bisschen feudal, aber wer es sich leisten kann, hat natürlich die Möglichkeit für diesen Luxus. Im Jahr 1777 ließen Nicolás y Cristóbal Blanco auch noch das gegenüber liegende Wohngebäude umbauen.

Nur nebenbei zur Information – viele Einwanderer hispanisierten ihre Namen im Laufe der Jahre und so wurde aus White Blanco, Callaghan wurde zu Cólogan oder Grünwald zu Monteverde. Die beiden Brüder tauchen in den Geschichtsbüchern von Teneriffa auch noch mit ihrem englischen Namen White auf.  ✿  Nur zum besseren Verständnis, falls euch dieser Name irgendwo in Puerto de la Cruz unter kommen sollte.

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Um das Jahr 1811 wollte Nicolás Blanco das Haus sinnvoll für die ganze Stadt nutzen und wollte in dem ehemaligen Landgut eine Quarantänestation zu errichten. Die Gemeinde war daran aber nicht interessiert und lehnte den Plan ab. Alles blieb beim Alten. Statt dessen wurde im Jahr 1818 eine schöne Glocke gegossen, die seitdem über dem Eingangstor des Anwesens der Familie baumelt.

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La Casona de San Antonio ist ein Bauwerk mit traditioneller, kanarischer Architektur. Zwei Stockwerke, angelegt in U-Form und einer Mauer rund um das Anwesen, um es wie eine Burg verschließen zu können. Nur die Fassade des Haupthauses liegt frei und so ist dieser Teil des Gebäudes auch direkt von außen zugänglich. Der ländliche Arbeitsbereich und der private Teil des Gartens verstecken sich jedoch hinter hohen Steinmauern, die mit breiten Toren verschlossen werden.

Jahre später ging das Anwesen auf Federico Tolosa y Casalónden, einem Urenkel von Nicolás Blanco über und das Haus wurde von den Bewohnern der Umgebung bald Casa Tolosa genannt.

Einer der letzten Bewohner der alten Villa war der schottische Arzt James Ingram, der von den Bewohnern Puerto de la Cruz sehr verehrt worden ist. Jimmy Pills wie er liebevoll von allen genannt wurde, kam um 1903 nach seinem Aufenthalt in Afrika auf die Insel Teneriffa. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten schon viele Briten im schönen Orotava Tal und es gab nur ein paar Ärzte, die sich hier um die Patienten kümmerten. Im Tal gab es zwei kleine Krankenhäuser, die von den Damen der Gesellschaft mit Hilfe von Nonnen betrieben wurden. Die Nonnen arbeiteten zwar als Krankenpflegerinnen, aber die Tradition der Kirche verbot ihnen, männliche Patienten zu berühren. Da kam ein Arzt natürlich wie gerufen, vor allem, weil er auch noch englisch sprach.

Die englische Sprache war in diesem Fall zwar sein Vorteil, aber als er selbst eine Chirurgische Praxis eröffnen wollte, wurde sie ihm zum Verhängnis. Obwohl er in der Praxis eines spanischen Kollegen gearbeitet hatte, wurde ihm nicht erlaubt, seine Pläne zu verwirklichen. Wie viele Engländer in dieser Zeit hatte er die spanische Sprache nicht erlernt und damit war auch seine Zulassung als englischer Arzt nicht gültig. Ohne einen Titel von einer spanischen Universität gab es keine Zulassung. Egal, ob er mittlerweile eine Praxis eines anderen Arztes in Puerto de la Cruz übernommen hatte oder nicht!

James Ingram hat sich geweigert aufzugeben. Er ging an die Universität nach Madrid und kam mit einem spanischen Titel wieder zurück auf die Insel. Jetzt konnte er endlich seine Patienten ganz legal behandeln. Und es gab genügend Patienten, denn damals kamen viele privilegierte Menschen aus Europa auf Rat ihres Arztes nach Teneriffa um hier gesund zu werden. Sie litten an Rheumatismus, Gicht, Atembeschwerden oder anderen Krankheiten. Dr. James Ingram hatte zu dieser Zeit schon viel von gesunden und natürlichen Heilmittel gehalten und riet vor allem Patienten mit Gicht und Nierenbeschwerden zu einer gesunden Ernährung. Sie sollten vor allem grünes Gemüse, Tomaten und frische Früchte essen und die gab es hier in Hülle und Fülle. Früchte und Gemüse sollten allerdings vor dem Essen gründlich gewaschen und der wohlschmeckende Inselwein nur äußerst vorsichtig genossen werden. Außerdem sollten die Menschen körperliche Übungen in der Sommerhitze vermeiden. Lungenkranke Patienten schickte er mit Hilfe von braven Mauleseln in die trockene Atmosphäre des Teide und der ganzen Bevölkerung empfahl er das Schwimmen im Meer. Das ganze Jahr über! Dieser Rat gefiel den Inselbewohnern nicht wirklich, für sie spielte und spielt sich das Strandleben von Mai bis Oktober ab. Im Winter? Nein danke!  Jimmy Pills könnte also ein Arzt unserer Tage gewesen sein.

Dieser Bewohner der Casona de San Antonio war also ein sympathischer Mann mit einem guten Charakter, der noch heute zur Geschichte von Puerto de la Cruz gehört. Einige Menschen erzählen noch schmunzelnd davon, wie er mit seinem kanarischen Chauffeur Tamajón in seinem kleinen Ford über die staubigen Strassen zu seinen vielen Patienten der wohlhabenden Familien gefahren wurde. Bei der armen Bevölkerung war er großzügig, konnte ein Patient nicht bezahlen, verlangte er kein Geld und behandelte sie trotzdem. In Erinnerung blieb er den Menschen auch, weil er Ende des Ersten Weltkrieges, als die Grippe die Insel bedrohte, viele Bewohner vor dem Tod gerettet hat. James Kyd Duncan Ingram wurde 1860 in Edinburgh geboren und ist 1933 gestorben. Er ruht sich am protestantischen Friedhof, el Cementerio Inglés, in Puerto de la Cruz von seinem aufregenden Leben aus.

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Anfang der 90er Jahre ging die alte Villa auf Grund der neuen Stadtplanung in das Eigentum der Stadt über. Doch auf eine bindende Vereinbarung über den Erhalt oder die Restaurierung des Besitzes wurde „vergessen“. Aus diesem Grund liegt die Zukunft dieser Gemäuer wohl ziemlich im Ungewissen. Zur Zeit befindet sich das Anwesen in einem bedauerlichen Zustand und das wird sich bestimmt so schnell nicht ändern. Obwohl das Haus ein Zeitzeuge vom Kommen und Gehen einer der bekanntesten Handelsfamilien aus Irland war, denn die dicken Mauern könnten wahrscheinlich viele Geschichten aus dem Leben des ersten Bürgermeisters von Puerto de la Cruz, Nicolás Blanco, erzählen.

Von der Stadt wurden in den vergangenen Jahren einige Projekte für diese Immobilie gemacht. Realisiert wurde gar nichts, alle Pläne und Visionen haben sich mit der Zeit in Schall und Rauch aufgelöst. Die Ursache für den Zustand dieses historischen Erbes kann man aber sehr gut sehen. Das ehemalige Landgut ist eingekeilt von Häusern, Hotels und Strassen. Vom ehemaligen Glanz der Casona San Antonio oder dem Platz mit den großen Pappeln und einigen Zypressen davor ist nichts mehr zu sehen. Es existiert nicht mehr.

Im Jahr 2005 hat die Kommission des Historischen Erbes der Inselregierung von Teneriffa beschlossen, das Archäologische Städtische Museum in diesem Gebäude unterzubringen. En el año 2005, la Comisión de Patrimonio Histórico del Cabildo de Tenerife dio el visto bueno al anteproyecto de rehabilitación de la Casona, para situar en este inmueble el Museo Arqueológico Municipal.

Man wollte das Dach, die elektrischen Installationen und den Garten wieder instand setzen. Aber daraus ist nichts geworden. Immerhin wurde in den letzten Jahren mit Hilfe einer Schule die Kapelle und ein Teil der Mauer renoviert. Der Rest des Hauses liegt leider im Dornröschenschlaf.  Na ja, mit viel Glück wird Dornröschen vielleicht doch noch einmal wach geküsst. Wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Halb verfallene Häuser sind Zeugnis vergangener Pracht und Größe, gleichzeitig halten sie uns die Vergänglichkeit der Gegenwart vor unsere Augen. Sie sind wie nostalgische Gräber der Vergangenheit. So richtig verwunschen werden die verfallenen Mauern dann mit Hilfe der Natur. Da werden trostlose Ruinen mit üppigen Gestrüpp überwuchert, saftiges Grün und bunte Blumen verleihen der historischen Kulisse im wahrsten Sinne des Wortes wieder blühendes Leben. Es entsteht eine Magie des Augenblicks, wenn die Vergangenheit die Umgebung erfüllt.  Man taucht in eine fremde, unbekannte Welt ein, obwohl man in der Gegenwart steht.  Wer mag hier wann, wie und weshalb gelebt haben?

„Ruinen erwecken in mir erhabene Ideen“, schrieb Diderot über Bilder von Ruinen, die im Salon des Jahres 1767 im Louvre zu sehen waren. „Alles wird zunichte, alles verfällt, alles vergeht. Nur die Welt bleibt bestehen. Nur die Zeit dauert fort. Wie alt ist doch unsere Welt! Ich wandle zwischen zwei Ewigkeiten. Wohin ich auch blicke, überall weisen mich die Gegenstände, die mich umgeben, auf das Ende aller Dinge hin, und so finde ich mich mit dem Ende ab, das mich erwartet.“

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2 Antworten zu La Casona y Ermita de San Antonio

  1. Monika Messmer-Tiefensee schreibt:

    Danke liebe Ingrid, sehr interessant.

    Gefällt 1 Person

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