Wenn der Mönch auf der Nonne liegt

Keine Angst, das ist kein Auszug aus einem Schmuddelroman, es wird auch keine erotische Erzählung und es handelt sich auch nicht um Kirchengeschichte. Es geht schlicht und einfach um das notwendige Dach, das jeder von uns über dem Kopf haben will. Ich glaube, ich habe es schon einmal erwähnt dass auf der Insel die Dachziegel häufig auf eine andere Art und Weise als es in Österreich üblich ist, verlegt werden. 1f60a Mönch und Nonne sind hier der Renner!

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Icod de los Vinos

Im Ernst, das ist die traditionelle und übliche Dachdeckung auf den Kanarischen Inseln – ein zweiteiliger Ziegel, eben das Modell Mönch und Nonne. Diese Art der Dachdeckung stammt aus dem römischen Kulturraum und man sieht sie heute auf alten Gebäuden, vor allem aber auf den Dächern der Klöster und Kirchen rund ums Mittelmeer. Im deutschsprachigen Raum Europas wurden im Mittelalter, vor allem wegen der Feuergefahr, aber nur die Dächer von repräsentativen Prachtbauten wie Herren- oder Rathäuser, Kirchen und Klöster mit Ziegeln aus Lehm oder Ton eingedeckt. Der kleine Bürger deckte sein Dach weiterhin mit Schiefer, Holzschindeln oder Stroh, denn die gebrannten Dachziegel waren einfach zu teuer. In Südeuropa war der Dachpfannen aus Ton jedoch immer schon das am häufigsten verwendete Material für Gebäude aller Art.

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Dachlandschaft in der Altstadt von Icod de los Vinos

Im Rest von Europa sind sie so gut wie verschwunden, in Südeuropa und auch auf den Kanarischen Inseln werden aber heute noch viele Hausdächer so gedeckt. Das Dach ist ja nicht nur der Abschluss eines Gebäudes, sondern auch Teil der Dachlandschaft. Die Formen der Dächer haben ganze Landstriche bestimmt. Bei allen unterschiedlichen Baustilen trugen bestimmte Grundformen des Daches zum Aussehen der Siedlungen bei und prägten das Landschaftsbild, denn Dächer sind mehr als bloßer Schutz vor Regen und Schnee, Sonne und Wind, sie unterstreichen den Charakter eines Hauses und wecken Emotionen. Dachziegel aus gebranntem Ton haben viele Gesichter. Sie faszinieren durch ihre regionale Vielfalt und haben eine lange Tradition.

In der Zeit der großen Völkerwanderung ist diese Art der Dachdeckung ziemlich in Vergessenheit geraten, denn erst ab dem achten Jahrhundert wurden zuerst vor allem für die vielen Klöster wieder Tonziegel gebrannt. Deshalb wurden die Hohlziegel wohl auch Klosterziegel oder eben Nonne und Mönch genannt –  aber es könnte auch eine andere Interpretationen möglich sein.

Mönche und Nonnen sollten ja eigentlich nichts miteinander zu tun haben – zumindest soweit ich informiert bin. 1f60a Als harmlose Ziegel liegen Mönch und Nonne jedoch geradezu ineinander verkeilt auf den Dächern herum und sind ein harmonisches Paar. Die Nonne liegt unten und der Mönch wird als Abdeckung darüber gestülpt. Der Mönch ist im Normalfall kleiner und wiegt ungefähr zwei Kilo, die Nonne ist ungefähr einen Kilo schwerer. Dabei wird der Mönch entweder in Mörtel oder ohne verlegt. Das Dachwasser fließt bei Regen später in den Nonne-Ziegeln ab. Diese Art der Deckung eignet sich aber nur für Dächer mit einer Mindestneigung ab 40 Grad, sonst gibt es ein feuchtes Problem unter dem Dach.

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auch die neuen Dächer der Häuser auf ARTlandya wurden mit alten Ziegeln eingedeckt

Die Verlegung der Dachziegel dauert natürlich länger und ist auch viel aufwendiger als bei Dächern wie wir sie kennen, denn jeder einzelne Ziegel wird mit Beton bestrichen und auf eine Schicht aus Beton aufgesetzt. 1f60a  Deshalb braucht man hier zu Lande auch eine Mischmaschine zum Dachdecken.Es entsteht sozusagen eine Dachdeckung für die Ewigkeit. Vorausgesetzt die Qualität der Dachziegel spielt mit. Es hat aber auch den Vorteil, dass der Wind keine Chance hat, das Dach davon zu blasen. Dafür ist es im Endeffekt wirklich zu schwer und wer würde dem Wind schon eine Erschwerniszulage bezahlen?

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So mühevoll wurden in alten Zeiten Ziegel hergestellt, der Mauerziegel für den Hausbau wie auch der Ziegel fürs Dach – Nonne und Mönch, monja y monje. Es ist eine der ältesten Dachziegelformen, deren Ursprung im Mittelmeerraum liegt und bis in die römische und griechische Kultur zurückreicht und erhalten geblieben ist.

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Zuerst wird mühsam Tonerde, tierra arcillosa, gemahlen, mit Wasser vermischt und mit den Füssen zu weichen, geschmeidigen Ton, barro, verarbeitet.  Das geht ganz schön in die Beine. Heute wäre es vielleicht ein Alternative zum Fitness Studio – so unter dem Motto „Bewegung macht Sinn“.

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Der Dachziegel besteht also aus einer Mischung aus Ton und Lehm und so machten es schon die alten Römer, die den Dachziegel nach Mitteleuropa brachten. Die allerersten Ziegel aus reinem Ton fabrizierten aber schon zweitausend fünfhundert Jahre vor Christi Geburt die Griechen. Bei so einer langen Tradition ist es kein Wunder, dass sich viele verschiedene Dachziegelformen entwickelt haben. Auch die Art der Herstellung oder die Farbe sind bei Dachziegeln verschieden, wobei die Farbe übrigens beim Brennen entsteht.

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Hier seht ihr den Arbeitsplatz und die Werkzeuge für die Herstellung der Ziegel. Ein Rahmen aus Metall, der die genaue Form für den weichen Ton festlegt und der runde Holzkeil, auf dem die Tonplatte abschließend ihr Wölbung verpasst bekommt.

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Dieser Bursche arbeitet gerade mit den frischen Tonplatten. Sie werden zugeschnitten und anschließend vorsichtig über das Holz gelegt und geformt. Die einzelnen Ziegel, las tejas, sind halbierte Hohlzylinder, die an einer Seite konisch zulaufen.

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Bevor die noch rohen Tonziegel in den Brennofen wandern, werden sie vorsichtig aufgeschlichtet in der Sonne einige Tage getrocknet. Auf die selbe Art und Weise wurden übrigens auch Mauerziegel hergestellt, doch auf Teneriffa wurden sie im ländlichen Bereich eher selten verwendet, da sie ziemlich teuer waren. Am Land wurden die Häuser aus dem Baumaterial gebaut, dass überall verteilt in der Gegend herum lag – aus Lavasteinen.

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Daraus wurden auch die runden Brennöfen, los hornos de calcinación, gebaut. Heute findet man sie nur mehr in einigen Gegenden auf der Insel, denn auf diese Art und Weise brennt niemand mehr die wunderschönen, handgemachten Ziegel. Sie wurden, wie so vieles, von Industrieware verdrängt und ersetzt – den Luxus der Handarbeit könnte sich auch wohl niemand mehr leisten.

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Über ARTlandya - der Blog

Teneriffa ist eine ganz besondere Insel im Atlantik und auf ARTlandya, einer wunderschönen Finca in Icod de los Vinos erwartet euch eine verzauberte Welt mit KünstlerPUPPEN, TEDDYbären und viel Natur :-) Lasst euch überraschen und stöbert einfach in meinen Beiträgen!
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