Steinkreise auf Teneriffa

Auf den Kanarischen Inseln gibt es sehr viele Steinkreise, aber sie wurden nicht aus einzeln stehenden großen Steinen errichtet wie zum Beispiel in Stonhenge oder in der Bretagne. Auf Teneriffa wurden einfach niedrige Steine zu einem geschlossenen Kreis gelegt oder auch eingegraben und die Innenfläche wurde meistens gepflastert. Aber wofür haben sich die Menschen das angetan, waren es Versammlungsplätze oder hatte es etwas mit dem Kult der Guanchen zu tun?

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Diese Steinkreise wurden bis ins letzte Jahrhundert noch als Dreschplätze genutzt und vor allem im Gebiet um El Tanque gab es sehr viele davon. Diese Gegend war besonders im 17. und 18. Jahrhundert für den Getreideanbau auf Teneriffa bekannt und auch wenn sich die Landwirtschaft geändert hat, die Steinkreise blieben in der Landschaft erhalten.

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1996 kamen die Verantwortlichen der Ortschaft El Tanque auf die Idee, wieder an die alte Form der Weizendresche zu erinnern. Immerhin handelt es sich um eine der wichtigen landwirtschaftlichen Wurzeln der Insel. Alte Traditionen sollten wirklich nicht Vergessenheit geraten und deshalb wird an einem Tag Ende Juli, am Día de la Trilla das Getreide auf traditionelle Art gedroschen. Das Schöne auf dieser Insel ist, dass diese Traditionen nicht für Touristen sondern auch für die Bevölkerung selbst erhalten und gepflegt werden. Diese Einstellung findet man selten. Vor allem nicht in Ländern, in denen die Bevölkerung zu einem Großteil vom Geschäft mit dem Urlaub lebt.

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Wir haben bei dieser Veranstaltung weder ein englisches noch ein deutsches Wort gehört, anscheinend war hauptsächlich die ortsansässige Bevölkerung vertreten. Da fragt niemand nach einem Programmpunkt oder nach einem termingerechtem Ablauf. Wofür auch, es kommt wie es kommt. Die unterschiedlichsten Menschen treffen sich aus irgendeinem Grund und feiern. Heute wird zwar meistens auf eine andere Art und Weise Party gemacht, aber zur Abwechslung ist es auch ganz lustig, einmal so zu feiern, wie vor dreißig Jahren. Der Unterschied ist nicht besonders groß.

Aber was hat sich geändert? Dieses Fest findet als Erinnerung an vergangene Zeiten statt. An Zeiten, als das Dreschen des Getreides noch als ein fröhliches Fest am Ende der Getreideernte von Weizen und Gerste gefeiert wurde. Als Belohnung für die  Entbehrungen und die harte Arbeit auf den Feldern.

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Damals gab es nicht viele Anlässe um zu feiern. Aber wenn gefeiert wurde, dann ausgelassen und überschwänglich – mit Essen, Trinken und Musik. Die Feldarbeit wurde für dieses Jahr so gut wie verabschiedet und endlich konnte man den Lohn für die harte Arbeit ernten. Zuerst wurden das Getreide mit der Sichel geschnitten, gebündelt und zum Dreschplatz gebracht. Hier auf der Insel werden die geernteten Getreideähren auf einem gepflasterten Steinkreis verteilt.

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Jetzt kommen die Pferde und Ochsen zum Einsatz, die Pferde arbeiten mit ihren Hufen und mit Hilfe der Ochsengespanne werden möglichst schwere Bretter über die Ähren gezogen.

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Doch zuerst sind die Pferde dran , immer im Kreis, immer rund um. So werden die Getreidekörner aus den Ähren befördert, die Spreu wird vom Weizen getrennt.

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Wenn der Mann hinter den Ochsen zu leicht war, wurde das Brett, el trillo, noch zusätzlich mit Steinen beschwert und vielleicht ist ab und zu auch der Großvater auf so einem Brett platziert worden. Heute ist es das größte Glück der Kinder einen Platz auf diesen Schlitten zu ergattern. Es geht ja nicht mehr um den Ernst des Lebens sondern um die Bewahrung einer Tradition. Einen Großvater, der scharf darauf gewesen wäre, auf einem dieser Bretter platziert zu werden habe ich leider nicht entdecken können, die Kinder sind allerdings Schlange gestanden.

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Wie bei uns daheim vor einem Karussell. Aber da muss es natürlich high tech sein. Je mehr Nervenkitzel geboten wird, desto besser. Hier reicht noch ein Holzbrett, das von zwei Kühen gezogen wird. Nachdem aber nur zwei dieser „Schlitten“ zur Verfügung standen, war die Enttäuschung bei einigen der kleinen Zuschauer immer wieder groß. Im Endeffekt ist aber sicherlich jeder auf eine Kosten gekommen. Mit ein bisschen Geduld funktioniert eben alles.

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Man könnte das Vergnügen also fast mit der Warteschlange vor einem Karussell betrachten. Aber eben nur fast. Denn hier handelt es sich hochoffiziell um ein Ochsengespann, dass die Bretter über das Getreide zieht. Apropos Ochsen  – ich habe mich vorher nicht vertippt oder so. In der Erklärung dieser Tradition wird nur von Ochsen geredet, mir ist allerdings ein Ochse mit Euter gänzlich unbekannt. Soviel ich weiß, ist ein Ochse ein Eunuch im Tierreich. Ein entmannter Stier! Ein männliches Rind ohne Manneskraft. Ich kenne keinen Ochsen, der ein volles Euter hat, also gerade eben erst einmal Mutter geworden ist. Dafür sind eigentlich Kühe zuständig, oder?

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Da sieht man wieder einmal, was die Emanzipation angerichtet hat. Sogar die Kühe müssen heute die Doppelbelastung aushalten die uns unsere emanzipierten Vorreiterinnen eingebrockt haben. Die Weiblichkeit alleine ist nicht mehr gefragt. Nicht einmal mehr im Reich der Tiere. Aber das hat ja schon George Orwell in seinem Buch über die Farm der Tiere festgestellt. „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher!“ Darüber sollten wir Menschen vielleicht auch einmal nachdenken.

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Schweine gibt es überall und ein kleines Exemplar dieser Rasse war der Gewinn für ein Los um einen Euro. Sein Besitzer hat es ganz einfach Stückchenweise verkauft. Gar nicht so schlecht wahrscheinlich – aber genau das macht ein Volksfest aus. Ich hoffe nur, dass diese Traditionen noch lange erhalten bleiben. Nicht, dass wir unseren Kindern irgendwann eine Geschichte erzählen müssen, die damit beginnt: „Es war einmal, érase una vez … „

Aber da wären wir schon wieder bei einem anderem Thema. Also wieder zurück zu den Ochsen oder besser gesagt zur Abteilung der Rinder. Wann gibt eine Kuh Milch? Ist das eine eigene Züchtung? Eine eigene Rasse? Ich bin mir ziemlich sicher, dass darauf fast niemand mehr eine Antwort geben kann. Die Milch produziert ja so wieso die Molkerei. Oder doch nicht? Aber bleiben wir der Einfachheit halber beim Dreschen von Getreide.

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Nachdem die Pferde und Ochsen unermüdlich im Kreis über das Getreide traben oder stampfen und Männer mit Holzgabeln die Halme immer wieder wenden, muss das Stroh nur mehr in die Luft geworfen werden – den Rest der Arbeit erledigt der Wind. Aus diesem Grund sind diese Steinkreise bevorzugt an Stellen errichtet worden, die vom Wind begünstigt waren. Der Wind, das himmlische Kind, hat damit einen Teil der beschwerlichen Arbeit kostenlos übernehmen können.

Früher war es harte Arbeit. Heute wird zwar gefeiert – aber ein Hauch aus der Vergangenheit weht trotzdem über das Land. In alten Zeiten war diese Zeremonie die erste Station der Erzeugung von Gofio. Die Getreidekörner wurden anschließend geröstet und vermahlen. Ein Grundnahrungsmittel, das bereits für das Leben der Guanchen notwendig war, hat heute noch seine Bedeutung. Keine fiesta ohne Gofio! Das geröstete Mehl gehört auch heute noch zum Alltag der Inselbevölkerung.

Hier noch ein letztes Foto – mit dieser Maschine wurde am Ende das Stroh zu Ballen gepresst. Sie sieht zwar etwas eigenartig aus, aber sie funktioniert noch immer!

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Über ARTlandya - der Blog

Teneriffa ist eine ganz besondere Insel im Atlantik und auf ARTlandya, einer wunderschönen Finca in Icod de los Vinos erwartet euch eine verzauberte Welt mit KünstlerPUPPEN, TEDDYbären und viel Natur :-) Lasst euch überraschen und stöbert einfach in meinen Beiträgen!
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5 Antworten zu Steinkreise auf Teneriffa

  1. Pingback: Dia de la Trilla in El Tanque | Teneriffa – InselLEBEN einmal anders …

  2. Hallo. Schönes Fest in El Tanque, de verdad.
    Wer sich für Kühe oder Ochsen oder andere Vierbeiner interessiert, sollte unbedingt mal im Mai den grössten Viehmarkt der Insel in Los Realejos besuchen. Dort wird regelmässig auch das Dreschen gezeigt, allerdings auf einem extra angelegten Dreschplatz.
    https://mitenerifeblog.wordpress.com/2018/05/26/alles-was-vier-beine-hat/
    Liebe Grüsse, Gerardo

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  3. teenyscholler schreibt:

    Wie immer, super geschrieben. Allerdings ist es nicht als Fest gedacht sondern Rescate Etnográfico – damit die alte Lebensweise nicht vergessen und uns näher gebracht wird.
    La siega, la trilla, la mudá, Día de tradiciones, la majada, las carboneras… und einige mehr die mir gerade nicht einfallen
    Wenn du mehr über Kühe, Stiere, Ochsen wissen möchtest treffen wir uns mit meiner Tochter Angela und sie wird sicher deine Zweifel und Fragen beantworten 😉

    Gefällt 1 Person

    • du hast schon recht Teeny, aber meine Beschreibungen sind ja nicht für Fachleute sondern für Otto Normalverbraucher 🙂 Danke für dein Angebot – aber bei Kühen, Ochsen und Stieren kenne ich mich bestens aus 🙂 bei mir werden Kühe auch nicht schwanger sondern trächtig.

      Hat deine Tochter eine Finca mit Rindern und Pferden?

      Liebe Grüße nach Puerto und danke für deine Erklärung – den Begriff Rescate Etnográfico kannte ich nicht.

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  4. pywi schreibt:

    Danke für den tollen Bericht.

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