„Vernunft, Vernunft hat keine Unterkunft…

... in der großen Koboldszunft“. Tag 43 des Hausarrests auf Teneriffa und ich habe mir heute einen gemütlichen Sonntag Nachmittag gemacht. Nachdem es ziemlich bewölkt gewesen ist und die Sonne nur ab und zu durch die Wolkenfenster geblinzelt hat, habe ich den Liegestuhl mit der Couch getauscht, den Fernseher eingeschalten – und war plötzlich in meiner Kinderzeit… Unsichtbar. Sichtbar. Wunderbar!

Pumuckl ging mit den Wörtern um wie Meister Eder mit dem Holz: „Schau nur, wie interessant, was kann man damit alles machen!“ Machen das heute Journalisten und Medien mit ihren Informationen?

© Pumuckl nach Ellis Kaut, Originalzeichnung Barbara von Johnson

„Pumuckl verschwindet, niemand ihn findet,
weil es nicht gibt, was man nicht sieht.“

Erinnert ihr euch noch an den kleinen, frechen Kobold mit den feuerroten Haaren? „Hurra, hurra, der Kobold mit dem roten Haar! Hurra, hurra, der Pumuckl ist da!“ Wenn ich die Augen zu mache, höre ich die Titelmelodie und habe noch immer das Bild der kleinen Tischlerwerkstatt von Meister Eder vor mir. Irgendwo auf dem Tisch kraxelt ein kleines Männchen darauf herum und trinkt seinen Kaffee aus dem Eierbecher. Dann reckt und streckt er sich genüsslich und stellt fest: „am meisten wärmeln Pullis mit zwei Ärmeln.“ Dabei hat sein kleines Bäuchlein vorwitzig zwischen grüner Hose und gelbem Pulli heraus geblitzt. Ich habe die wöchentlichen Sendungen von Pumuckl geliebt und sicher so gut wie keine Folge davon versäumt.

1993 starb Meister Eder, genau genommen natürlich sein Darsteller der Schauspieler Gustl Bayrhammer. Hans Clarin, der Pumuckl die unvergessliche Stimme verliehen hat, folgte im Jahr 2005. Die baufällige vertraute Werkstatt von Meister Eder gibt es auch nicht mehr, sie wurde im Jahr 1985 nach den letzten Dreharbeiten abgerissen und im September 2015 ist Ellis Kaut, die Erfinderin des kleinen Kobolds, kurz vor ihren fünfundneunzigsten Geburtstag, gestorben. Alle sind tot und Pumuckl würde weinen, wenn er es wüsste. Da bin ich mir ganz sicher! Seinen Namen hat er übrigens von seiner geistigen Mutter geerbt, ihr Mann soll sie liebevoll so genannt haben.

Die Werkstatt von Meister Eder war nicht eine Kulisse in einem Filmstudio sondern ganz real im Hinterhaus der Widenmayerstr. 2 in München untergebracht. Das Haus wurde im Jahr 1899 als Kutscher- und Hausmeisterunterkunft für das herrschaftliche Vorderhaus gebaut und wurde später tatsächlich einmal als Tischlerei genutzt. Als das Hinterhaus für die Serie entdeckt wurde, stand es allerdings bereits leer. Die Räume für die Werkstatt im Parterre und eine kleine Wohnung im ersten Stock wurden extra für die Filmarbeiten Meister Eder eingerichtet. Als das Haus dann abgerissen werden sollte, intervenierte sogar Ministerpräsident Franz Josef Strauß und schließlich blieb es noch für eine zweite Staffel stehen, ehe Mitte der 80er-Jahren die Bagger anrückten.

Heute steht dort ein Büroklotz der Bayerischen Versicherungskammer und der kleine Kobold ist schon lange über alle Berge. „Weinen ist ja sehr schön, aber langweilig wenn’s keiner hört.“ hätte er wahrscheinlich gesagt und ist weiter gezogen. So spielt das Leben und inzwischen sind nicht nur der liebenswerte Tischler mit seinem schlauen Kobold, sondern auch fast alle Hinterhof-Werkstätten in den alten Vierteln der Münchner Innenstadt verschwunden.

Eine Überlebende aus dem Pumuckl-Clan gibt es aber noch. Barbara von Johnson, die optische Mutter des kleinen Kerls mit dem roten Haarschopf. Als Studentin an der Akademie für das Grafische Gewerbe München gewann sie 1963 den von Ellis Kaut ausgeschriebenen Wettbewerb zur Illustration Visualisierung des Pumuckl, der bis dahin unsichtbar durch die Hörspiele des Bayerischen Rundfunks klabauterte. Seit diesem Tag zeichnete sie den frechen Kobold für die Illustrationen von zehn Büchern und unzählige Plattenhüllen.

2019 nahm sie wieder einmal Kreide und Filzstifte in die Hand und malte ein Original-Pumuckl-Bild in ihrem Schwabinger Atelier. Das Bild war für einen guten Zweck und wurde versteigert. Der Erlös kam dem Verein „Ein Herz für Kinder“ zugute.

„Obwohl andere Leute den Pumuckl berühmt gemacht haben, war er für mich immer ganz wichtig in meinem Leben. Darum bin ich besonders glücklich darüber, dass der kleine Kobold nach vielen Jahren wieder heimgekehrt ist zu mir, seiner ‚optischen‘ Mutter.“ — Barbara von Johnson

Pumuckl war ja nicht nur frech und witzig, ab und zu konnte er auch sehr weise sein. Dieses Gedicht oder wie immer man es nennen will, gefällt mir besonders gut und passt nicht nur zu romantischen Vollmondnächten.

Ich bin jetzt allein zuhaus,
der Mond schaut wie ein Knödel aus,
und wär er nicht am Himmel droben,
ich stubbste ihn, er läg am Boden.
Doch so folg‘ ich jetzt hier im Stillen
dem Eder um der Freundschaft willen.
Bestimmt seh‘ ich jetzt dann im Traum
einen riesen großen Knödelbaum.

Wie ist der pfiffige Kobold eigentlich in der Werkstatt in München gelandet? Ich habe es nicht mehr gewußt und deshalb möchte ich mir diesen Zeitungsartikel aufbewahren. Er ist ein Nachruf auf Ellis Kaut, erschienen 2015 in der Süddeutschen Zeitung, geschrieben von Alex Rühle.

Am liebsten treibt sie Schabernack

Der Kobold, den sie erfand, klebte untrennbar an ihr. Dabei war sie eigentlich Bildhauerin und Schauspielerin. Nun ist die Pumuckl-Mama Ellis Kaut gestorben.

Es gibt Wörter, die verbinden sich im kollektiven Gedächtnis für immer mit einer Figur. Das Wort „Schabernack“ klebt so fest am Pumuckl wie der Pumuckl am Leimtopf des Meister Eder, in der allerersten Geschichte über den Kobold, einen so stolzen wie kleinen Nachfahren der Klabautermänner.

Das eherne Koboldgesetz besagt, dass man bei demjenigen Menschen bleiben muss, der einen erstmals gesehen hat. Also leben der Pumuckl und sein Meister Eder – ein bayerischer Buddha, tiefenentspannt, weise, und ganz und gar verwurzelt im Hier und Jetzt seiner Hinterhofwerkstatt – von da an in einer so seltsamen wie unterhaltsamen Zweckgemeinschaft.

Ellis Kaut muss es zuweilen vorgekommen sein, als klebe der Kobold, den sie1962 erfunden hat, so untrennbar an ihr wie der Pumuckl an jenem Leimtopf, der ihn damals in unsere Welt zwang. Kaut war studierte Bildhauerin und Schauspielerin, sie hat viele Hundert Texte für den Bayerischen Rundfunk verfasst und mehrere Fotobände herausgegeben, „aber jeder, der mich erkennt, spricht mich auf meinen Kobold an“, wie sie einmal sagte.

Als sie mit fast 90Jahren ihre Autobiografie in Angriff nahm, versuchte sie sogar zuerst, ihr eigenes Leben aus Sicht des Pumuckl zu erzählen. Das hat dann nicht funktioniert, sie gab dem Buch aber einen Satz ihres Kobolds als Titel: „Nur ich sag ich zu mir“. Kaut sagte mehrmals, dass der Pumuckl viel von ihr habe, weshalb wir hier eingangs noch mal auf diesen nervösen Genusskobold zurückkommen, der Schokolade und Schiffschaukeln liebt und es eigentlich immer rundum gut meint, aber trotzdem zur großen Freude seiner Zuhörer in jeder Geschichte größtmögliche Unordnung verbreitet.

Pumuckls wichtigstes Attribut: die Stimme!

Aufgrund seines prekären ontologischen Status – er ist ja einen Großteil der Zeit völlig unsichtbar – ist sein wichtigstes Attribut die Stimme. Weshalb es ein Riesenglück war, dass Ellis Kaut damals im Rundfunk hörte, wie Hans Clarin Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ einsprach. Clarin lieh dem Kobold, dessen Hirnwindungen man sich vielleicht vorzustellen hat wie einen Haufen Luftschlangen, so verdreht ist seine Logik, diese eindringliche Stimme, die von einem Moment auf den anderen von liebevollem Singsang in jähzornig migränöses Jaulen kippen konnte und dem man aber auch diese narrische Liebe zur Sprache abnahm. Der Pumuckl ging mit den Wörtern um wie der Meister Eder mit dem Holz: Schau nur, wie interessant, was kann man damit alles machen!

Während der Meister Eder seine Möbel schreinerte, drechselte der Pumuckl seine Gedichte: „Vernunft, Vernunft hat keine Unterkunft, in der großen Koboldszunft.“ Oft sprang er in diesen Gedichten auch einfach nur in den Klang der Sprache hinein, lustvoll wie in eine Matschpfütze: „Kommt daher ein dicker Mensch, reim ich pinsche pansche pensch!“ Weshalb man davon ausgehen kann, dass Ulimantulus Irrichmich ein ferner Verwandter des kleinen Klabautermanns war: „Uli der Fehlerteufel“, eine weitere Figur von Kaut, geisterte durch viele Rechtschreibfibeln der Siebzigerjahre, verdrehte Buchstaben oder stahl Satzzeichen und Wörter aus ersten Lesetexten.
© Süddeutsche Zeitung

Über ARTlandya - der Blog

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4 Antworten zu „Vernunft, Vernunft hat keine Unterkunft…

  1. olivia2010kroth schreibt:

    Diese Kobolde sehen lustig aus. Vielen Dank für den interessanten Beitrag.

    Gefällt 3 Personen

  2. kybde schreibt:

    Mit diesem Beitrag hast Du es wieder geschafft, den Menschen in der heutigen Zeit ein Lächeln in’s Gesicht zu zaubern. Danke dafür.

    Gefällt 6 Personen

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