Der Schein trügt…

Ein stinknormaler Mittwoch, Hausarrest Tag Nummer 53, nicht mehr und nicht weniger. Blumentöpfe gießen, kurzzeitiger Einsatz mit der Gartenschere, einen kleinen Teil vom Schreibkram erledigen. Ihr seht, es gibt nichts zu erzählen. Es ist einfach nix aufregendes passiert. Nicht einmal Briefe sind dort angekommen, wo sie ankommen sollten. Als Draufgabe sorgt Petrus auch nicht gerade für gute Laune, denn graue Wolken sind für mich beim besten Willen keine Stimmungsaufheller. Was also tun, hat jemand einen Tipp? Vielleicht sollte ich mich gemütlich auf die Couch lümmeln und ein Buch zur Hand nehmen?

Lebensweisheiten und kluge oder nicht so kluge Sprüche gibt es ja wie Sand am Meer, zu fast jedem Thema und für jeden Anlass. In den Regalen der Büchereien stehen nicht nur meterlang Ratgeber für alle Lebenslagen sondern auch viele Exemplare mit Sprüchen für jede Gelegenheit im Leben. In einem Büchlein von Ernst Ferstl habe ich einen guten Spruch gefunden, aber heute passt diese Erkenntnis irgendwie auch nicht.

„Wer sich gerade grün und blau ärgert, kann wenigstens behaupten, dass er versucht, Farbe in sein Leben zu bringen.“

Ich will mich nicht ärgern, mir geht’s ja gut. Ich habe im Moment nur keine Ahnung, was ich tun soll. Draußen ist es mir zu ungemütlich und Fenster putzen muss gerade auch nicht sein. Zeit für eine Märchenstunde…

Es war einmal eine alte chinesische Frau, die zwei große Schüsseln hatte, die von den Enden einer Stange hingen, die sie über ihren Schultern trug. Eine der beiden Schüsseln hatte einen feinen Sprung, aber die andere Schüssel war vollkommen makellos und schön. Jeden Tag ging die Frau mit ihren beiden Schüsseln zum Fluss um Wasser zu holen, doch wenn sie nach der langen Wanderung vom Fluss wieder zu Hause ankam, war die eine Schüssel nur noch halb voll.

Zwei Jahre lang, jeden Tag. Die alte Frau brachte immer nur eineinhalb Schüsseln Wasser mit nach Hause. Die makellose Schüssel war natürlich sehr stolz, aber die arme Schüssel mit dem Sprung schämte sich und war betrübt, weil sie nur die Hälfte des Wassers bis nach Hause bringen konnte. Nach zwei Jahren, die ihr wie ein endloses Versagen vorkamen, sprach die Schüssel zur alten Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“

Die alte Frau aber lächelte. „Hast du eigentlich einmal bemerkt, dass auf deiner Seite des Weges bunte Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel nicht? Ich habe auf deiner Seite des Weges Blumensamen ausgestreut, weil ich wusste, dass du Wasser verlierst. Nun gießt du die Blumen jeden Tag, wenn wir nach Hause gehen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genauso wärst, wie du bist, würde diese Schönheit nicht existieren und unser Haus beehren.“

Jeder von uns hat seine ganz eigenen Macken und Fehler, aber es sind die Macken und Sprünge, die unser Leben so interessant und lohnenswert machen. Man sollte jeden Menschen einfach so nehmen, wie er ist und das Gute in ihm sehen.

Also, an alle meine Freunde mit einem Sprung in der Schüssel habt einen wundervollen Tag und vergesst nicht, den Duft der Blumen am Rand des Weges zu genießen…

Über ARTlandya - der Blog

Teneriffa ist eine ganz besondere Insel im Atlantik und auf ARTlandya, einer wunderschönen Finca in Icod de los Vinos erwartet euch eine verzauberte Welt mit KünstlerPUPPEN, TEDDYbären und viel Natur :-) Lasst euch überraschen und stöbert einfach in meinen Beiträgen!
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13 Antworten zu Der Schein trügt…

  1. Helen schreibt:

    Ich mag die Geschichte sehr. 🙂

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  2. siebeninseln schreibt:

    Liebe Ingrid, wie sieht es aus mit kleinen Ausflügen? Ich habe meinen Tag nun den Bedingungen angepasst und stehe sehr früh auf, so dass ich zwischen 6.30 und 10.00 Uhr noch ein wenig rauskomme. Das soll nicht heißen, dass mir der Hausarrest wirklich gefällt, aber der Freigang gibt ein ganz klein wenig Freiheit zurück. Liebe Grüße und hoffen wir, dass wir irgendwann mal wieder rausdürfen, solange und wohin wir wollen. Ganz liebe Grüße über die Berge, Dagmar

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    • Heute ist einfach ein trüber Tag 🙂 so ein Tag, wo irgendwie nichts passt. Muss es auch ab und zu geben. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust hier im Umkreis herum zu gehen, da bleibe ich lieber zu Hause. Sei froh, dass du mit dem Rad sportlich unterwegs sein kannst und aus der Wohnung kommst. Bald sieht es bei uns auch wieder anders aus – ich hoffe es zumindest 🙂 Alles Liebe Ingrid

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  3. Sehr schöner Text und sehr weise

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