Juan Fernández – Höhlen und Quellen

Klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber ich liebe Friedhöfe und alte Häuser. Ich mag diese Orte, weil ich mich die Geschichten hinter den Gräbern oder den halb verfallenen Mauern interessieren. Zum Glück verschwinden die meisten davon nicht sofort – sie gehen nur verloren bis sie irgendwer wiederentdeckt. Trotzdem nagt der Zahn der Zeit an ihnen und irgendwann werden sie vergessen und verschwinden lautlos in der Vergangenheit. Die Natur erobert sich meistens ihren Platz wieder zurück und die Fußspuren der Menschen in der Erdgeschichte werden ganz klein.

Vor ein paar Tagen wollten wir zu so einem Ort fahren, aber unser fahrbarer Untersatz streikte. Der Starter wollte seine Arbeit nicht mehr erledigen und für einen Fußmarsch nach Tacoronte hatte ich ehrlich gesagt auch keine Lust. Egal, jetzt funktioniert wieder alles und deshalb kann ich euch nun doch noch von unserem Ausflug in die Vergangenheit erzählen.

Tacoronte hat ja – wie alle Gemeinden auf Teneriffa – viele Ortsteile, die oft so groß sind, dass sie fast wie eigenständige Dörfer wirken. Die zwei bekanntesten sogenannten barrios von Tacoronte sind mit Sicherheit El Pris und Mesa del Mar und ganz in der Nähe liegt auch unser Ziel.

Die Geschichte der Stadt Tacoronte begann schon zur Zeit der Guanchen. In der Gegend des heutigen Stadtgebietes lebten vor allem Hirten, die sich in den Höhlen niedergelassen haben. Sie siedelten in kleinen Gruppen dort, wo sich heute die Ortsteile Juan Fernández, Guayonje, El Pris und Mesa del Mar befinden. Die steil abfallende Küste bot Schutz, die natürlichen Höhlen eigneten sich perfekt für Mensch und Tier und für genügend Wasser sorgten die vielen Quellen in diesem Gebiet.

Nach der Eroberung der Insel wurden hier vor allem Portugiesen sesshaft, doch wann der Ort Tacoronte gegründet wurde, kann nicht genau gesagt werden. Man geht davon aus, das es Machado aus Guimaráes war, der 1496 Tacoronto gründete.

Ein gewisser Juan Fernandez, war ebenfalls einer der Portugiesen, die sich an diesem Ort niederließen. In einer Liste, der ersten Siedler aus dem Jahr 1497 findet man die Namen der ersten Landbesitzer. Als Nummer 0 führt „Don Alonso Fernández de Lugo, 14 enero 1504. Sin data, por sentencia y deslinde“ die Liste von insgesamt 153 Namen an. Unter der Nummer 99 findet man den Eintrag „Juan Fernández, el viejo, cerrajero, 1 fanegada con fuente y cueva. 7 junio de 1500“ Sehr viel Land hat der Schlosser Juan Fernández nicht bekommen, das wertvolle an seinem Besitz war vor allem die Quelle und die Höhle. Zum besseren Verständnis – una fanega de tierra entspricht ungefähr 6.400 Quadratmetern und der Großteil der ersten Siedler bekam hundert bis vierhundert fanegas Land zugeteilt. Dabei handelt es sich allerdings oft auch um Trockenland und eine weitere Eintragung einer Quelle konnte ich nicht finden. Dieser Besitz muss also sehr wertvoll gewesen sein – denke ich mir. Und diesen Platz wollen wir uns ansehen.

Am oberen Rand des Hügels grünt und blüht es. Überall schwirren Bienen und man hört auch leises Vogelgezwitscher. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass sich ein ziemlich breiter Schilfgürtel nach unten Richtung Küste. Es sieht fast so aus, als würde ein Bächlein seinen Weg durch die Landschaft suchen. Und so ist es auch, es gibt ein schmales, steil abfallendes Bachbett, in dem mehrere Quellen auf verschiedenen Höhen aus dem Boden sprudeln. Wir stapfen erst ganz gemütlich durch eine Wiese, ein schmaler Trampelpfad zeigt uns den Weg.

Es dauert allerdings nicht lange, dann verwandelt sich die Wiese in ein grünes Dickicht aus hohem Schilf. Dieser Steig wird anscheinend regelmäßig genutzt, denn welchen Grund sollte es sonst dafür geben, dass jemand mit ziemlich viel Mühe einen Tunnel in diesen Urwald geschnitten hat? Oder gibt es heute noch Höhlenbewohner in der Nähe?

Ein Blick aufs Meer verleitet uns fast zur Umkehr. Wenn mich nicht alles täuscht, zieht da eine breite Regenfront auf uns zu. Aber nein, wir sind gekommen um zu bleiben – und das war gut so, denn das dichte Blätterdach war ein perfekter Regenschirm für den kurzen Regenschauer. Hier hat sich die Natur bereits das erste Bauwerk fast vollständig zurück erobert. Das kleine Haus wird fast erdrückt von dicken Ästen und ist rundum von dichtem Grün umschlungen.

Wie so oft dauert ein Regenschauer nur einige Minuten und so ist es auch dieses Mal gewesen. Das kleine Häuschen hat wahrscheinlich schon zum Anwesen gehört, denn ab hier ist der Weg mit Steinplatten gepflastert und führt uns direkt an unser Ziel.

Dieser Abschnitt der Küste steht seit einigen Jahren wegen der vielen Wohn- und Grabhöhlen unter Naturschutz und es darf nichts mehr verändert werden, aber vor fünfhundert Jahren entstand hier auf diesen Felsen mit viel Aufwand eine Hacienda, die aus einem Haupthaus, einem Gebäude für Arbeiter und einer Werkstatt bestand.

Es wurde eine Brücke aus Steinen gebaut, viele Gärten angelegt und bunte Blumen in Trögen gepflanzt. Neben dem Wohnaus entstand ein eigener Waschplatz mit Becken und Ausgüssen und zusätzlich wurden noch einige Wassertanks gemauert.

Klar, nun stehen nur mehr einige Mauern hier, der Großteil der Wände ist bereits eingestürzt, diverse Künstler haben ihre farbenfrohen Spuren hinterlassen und als Beleuchtung in der Nacht müssen der Mond und die Sterne sorgen. Es ist eigentlich nur noch eine Ruine und nicht einmal mehr als abenteuerlicher Wohnort für Aussteiger geeignet – aber ich kann mir vorstellen, wie schön es hier einmal gewesen sein muss.

Unterhalb des Hauses sieht man noch Terrassen, die früher angebaut und bewässert wurden. Heute wirken die steinernen Treppen zwischen den Terrassen irgendwie fehl am Platz, sie ergeben keinen Sinn mehr. Trotzdem fügen sie sich einfach in die Landschaft ein und stören nicht – im Gegensatz zu so manchem Asphaltband, das ohne Sinn und Zweck an vielen Plätzen auf der Insel wertfrei in die Landschaft gelegt wurde.

Einige Meter vom Haus entfernt plätschert kühles klares Wasser in einen steinernen Trog. Das ist die Quelle, die Juan Fernández seit dem Jahr 1500 sein Eigentum nennen konnte. Der Grund, warum hier an diesem Ort diese kleine Ansiedlung entstanden ist, ein lebenswerter Platz für mehr als nur eine Familie.

Seit wann der Ort verlassen ist weiß ich leider nicht und wer hier wirklich gelebt hat – keine Ahnung. Aber es gibt eine Legende, die von diesem Ort erzählt…

Érase una vez, es war einmal ein junger Mann mit dem Namen Juan Fernández. Er war ein guter Freund von Alonso Fernández de Lugo und bekam als Lohn für seine Heldentaten in der Schlacht von Matanza de Acentejo einige Ländereien in der Gegend von Tacoronte, unter anderem ein Gebiet über der Küstenklippe, wo es eine Quelle und viele Höhlen gab, die von den Guanchen als Häuser oder Grabnischen genutzt wurden.

Der junge Mann war jung, mutig und gut aussehend und da er im Besitz des lebenswichtigen Wassers war, wurde er innerhalb kurzer Zeit zu einem sehr mächtigen Mann in dieser Gegend. Einige Mitmenschen behaupten allerdings, dass er auch ein wenig hochmütig gewesen sei.

Er beschloss, auf seinem Lieblingsplatz hoch über dem Atlantik sein Anwesen mit mehreren Häusern zu bauen. Einer der besten Architekten von Teneriffa bekam den Auftrag ein Haupthaus mit dem Blick über seine kultivierten Terrassen auf den Ozean, Werkstätten und Ställe sowie die besten Waschplätze der Gegend zu errichten. Außerdem sollte der Mann einen lauschigen Garten, einen großen Platz mit Obstbäumen, der von Blumenkästen und Steinbänken umgeben sein sollte, sowie einige Wassertanks entwerfen. Hier würde später sein bevorzugter Platz, wo er am Abend mit einem guten Glas Wein den Sonnenuntergang beobachten konnte, sein.

Um den Fortschritt der Bauarbeiten zu überwachen reiste er von der Hauptstadt San Cristóbal de La Laguna ins östliche Tacoronte. Bei diesem Besuch sah er ein junges Mädchen mit seinem Hund, das Wasser aus der Quelle schöpfte. Sie hatte große weizenfarbene Augen und tiefschwarzes Haar, das ihr in Wellen über die von der Sonne vergoldeten Schultern fiel. Sie trug ein weißes Hemd, einen einfachen roten Rock und Sandalen aus Hanf an den Füßen. An der Seite ihres Halses entdeckte er eine Tätowierung. Er war fasziniert von der Schönheit der jungen Frau. Er wusste sehr wohl, dass er dieses Guanchenmädchen niemals heiraten konnte, trotzdem wollte er ihr näher kommen. Doch als er mit seiner hochmütigen Art und mit undurchdringlichen Blick aus seinen grünen Augen auf sie zuging rannte das Mädchen ängstlich vor ihm und seinen Begleitern davon, stürzte und fiel zu Boden. Das tat Juan Fernández leid und er befahl, berauscht von dieser sinnlichen Schönheit, ihr Hilfe anzubieten. Er erlaubte ihr auch die Nutzung der Quelle von La Fuentecilla.

Von da an besuchte der Bauherr sehr oft seine Ländereien und es wird erzählt, dass er eher das Mädchen beobachten als die Arbeiten seiner Hazienda überwachen wollte. Die junge Frau ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Immer wurde sie von ihrem Hund begleitet und trug den vollen Krug auf dem Kopf und die Tätowierung am Hals war für ihn ebenso ein Rätsel. Er wollte unbedingt wissen, was es damit auf sich hatte und so schickte er eines Tages einen Jungen zu ihr. Das Mädchen erzählte ihm, dass die Zeichnung von ihrem Großvater, der auch Guañameñe genannt wurde, stammte. Er sei ein Weiser der Guanchen. Die Tätowierung stellte das Symbol für Guatimac dar, aber sie war unvollständig. Es sollte ein Schutz für das Mädchen vor dem Zorn von Guayota sein. (Guayota ist in der Mythologie der Guanchen ein böser Dämon, der im Inneren des Teides lebt. Guañameñe war der Name eines Wahrsagers der Guanchen, der die Ankunft der kastilischen Eroberer auf der Insel prophezeit haben soll und Guatimac nennt man eigentlich ein kanarisches Tonsymbol, ein Kultobjekt)

Einige Monate vergingen und an einem sonnigen Sommernachmittag saß das junge Mädchen mit ihrem kleinen Hund zwischen den Mauern der inzwischen gebauten Häuser als der Hund plötzlich anfing, das Mädchen anzubellen. Das war ein seltsames Verhalten des Tieres und der kleine Hund bellte immer lauter und schlug sogar mit dem Kopf nach ihr. Die junge Frau verstand überhaupt nicht, was er wollte und plötzlich stürzte der Krug, ohne dass in jemand berührte, um. Das ganze Wasser war verschüttet. Sie stand auf, und der Hund bellte immer lauter.

Die Zeit schien stehen zu bleiben, plötzlich, als ob die Welt von Grund auf neu erschaffen werden würde, kam ein unheimliches Geräusche, aus den Tiefen der Erde. Ein gewaltiges Brüllen, begleitet von einem starken Beben, das immer stärker wurde, dröhnte in ihren Ohren. Der kleine Hund ließ das Mädchen nicht in Ruhe, er vertrieb es von seinem angenehmen Ruheplatz bis es das Gleichgewicht verlor und fiel.

Im selben Augenblick, als sie es verwirrt schaffte, über dem mit Wasser gefüllten Becken in die Knie zu gehen, zerbröckelte Wände des Berges in große Felsen, die mit Wucht auf die Stelle stürzten, wo sie vorher friedlich saßen. Ein Stein traf sie hart an der linken Schulter. Sie hatte gerade noch Zeit, sich in die Mulde des Beckens zu flüchten, die wie eine natürliche Brüstung wirkte, als ihr Blick den ihres Hundes kreuzte und sie verstand in diesem flüchtigen Moment die Haltung ihres treuen Freundes, der das Erdbeben vorausgeahnt hatte und ihr so das Leben rettete.

Dank ihm hatte sie nur am linken Schlüsselbein, oberhalb der Tätowierung, einen kurzen Schnitt und einige Tage später sah es aus, als ob Guatimac einen Speer halten würde. Das Bild der Tätowierung war vollendet. Am Ende gewann Guatimac den Kampf gegen Guayota. Das Gute besiegte das Böse.

Die Legende erzählt, dass das Mädchen später nie wieder gesehen wurde. Die Hacienda war zu dieser Zeit noch nicht vollständig, doch der traurige Juan Fernández entschied sich, sie nie fertig zu stellen. Die Bewohner des Ortes sagen, dass man heute, mehr als fünf Jahrhunderte später, immer noch bei Sonnenuntergang das laute Bellen eines Hundes neben der Waschküche der alten Hacienda hören kann…

Ende der Geschichte. Eigentlich eine Legende, die so gar nicht zu den Tatsachen passt, denn wo bleibt da der Schlosser aus dem Register der ersten Siedler von Tacoronte? Wer war dieser junge, charismatische Mann aus der Erzählung? Aber wer weiß schon, wie es wirklich gewesen ist – vor mehr als fünfhundert Jahren? Vor Generationen erschaffene und benutzte Bauwerke verschwinden oft wie ein Rauchschleier im Wind. Solche Streifzüge durch längst verlassene Orte sind manchmal lustig, manchmal sind sie geheimnisvoll – spannend sind sie immer!

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4 Antworten zu Juan Fernández – Höhlen und Quellen

  1. Kasia schreibt:

    Als die Geschichte von dem Mädchen, dem Hund und der Tätowierung fertig war, hatte ich kalte Schauer über dem Rücken. Eine seltsame Legende. Und ehrlich gesagt verliere ich mich in solchen Legenden lieber als die harten Fakten zusammen zu stellen. Schön geschrieben 🙂

    Liebe Grüße
    Kasia

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  2. Marianne Heid schreibt:

    Liebe Ingrid, welch schöner Beitrag wieder von dir. Wie entdeckst du immer wieder solche Orte? Ihr geht ja nicht auf „Gut Glück“ LIS und findest dann solche Kostbarkeiten. Und tolle Fotos mit deiner Kamera!! Wenn ich das alles lese, möchte ich am liebsten sofort losfliegen .Aber die Bestimmungen werden immer schärfer. In diesen Tagen wird das Gesetz geändert, dass nicht mehr jedes Bundesland seine Bestimmungen erlassen kann, sondern von oben, also von der Regierung sprich Merkel die Bestimmungen für alle kommen. Hoch lebe der Sozialismus!!!!! Liebe Grüsse, ich erfreue mich jeden Tag an meinen( deinen Georg) schönen Bildern! Marianne

    Von meinem iPhone gesendet

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    Gefällt 1 Person

    • Das wird schon wieder, warte ein bisschen ab, dann kannst auch du wieder auf die Insel. Da bin ich mir ganz sicher.

      Wir fahren wirklich oft einfach los, bleiben dann stehen und erkunden die Gegend. Dieses Mal war es aber der Tipp einer Freundin 🙂 Alles Liebe und die nächsten Fotos kommen bald
      Ingrid

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