Lebenszeichen

In letzter Zeit habt ihr nicht besonders viel von mir zu hören oder besser gesagt zu lesen bekommen, dabei hätte ich so viele Themen, über die ich schreiben möchte, zur Auswahl. Warum das so ist, erkläre ich euch in den nächsten Tagen, aber wenigstens ein Thema möchte ich heute abhaken. Der Rest folgt so schnell wie möglich – versprochen!

Für euch ist es mit Sicherheit keine Neuigkeit und mein Leben betrifft diese Situation ebenfalls nicht direkt. Trotzdem beschäftigt mich das Thema, immerhin spielt sich dieses Naturereignis fast vor meinen Augen ab. Von unserer Terrasse haben wir La Palma meistens gut im Blick. Den Verlauf der Sonne können wir an dieser Insel erkennen. Im Sommer versinkt die Sonne rechts von La Palma im Meer und auf dem Weg zur Wintersonnenwende geht sie links davon unter. Die Insel ist auch nicht weit von Teneriffa entfernt und wir haben schon einige Kurzurlaube dort verbracht. La Isla Bonita, wie sie liebevoll genannt wird, ist eine ganz besondere Insel. Und jetzt hat sich auf unserer Nachbarinsel La Palma die Unterwelt an die Oberfläche verlagert und das Leben von tausenden Menschen komplett durcheinander gebracht. Die Welt buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die rot glühende Lava, die mit aller Kraft nach oben brodelt und auf ihrem Weg zum Meer zischend unzählige Lebensträume und harte Arbeit innerhalb kurzer Zeit nicht in Luft auflöst, sondern erbarmungslos unter einer zähen, schwarze Masse begräbt, unterscheidet nicht ob Arm oder Reich, Jung oder Alt. Die Natur behandelt alle gleich. Der Vulkan macht was er will und auch die Experten können müssen jeden Tag ihr Wissen täglich neu ordnen.

Hier auf Teneriffa war der 19. September ein ganz normaler Sonntag, doch auf La Palma veränderte sich an diesem Tag die Geschichte der Insel. Ein Großteil der Bevölkerung im betroffenen Gebiet von La Palma lebte bereits mit gepackten Koffern, insbesondere in der Gegend von Las Manchas, und auch einige Bewohner von El Paso waren davon betroffen. Um 15.11 Uhr war es dann soweit – ein neuer Vulkan bricht in Montaña Rajada in El Paso aus.

Manfred Betzwieser, der auf La Palma lebt, schreibt dazu: „Es ist ein unbewohntes Gebiet, obwohl es in der Nähe einige Häuser gibt. David Calvo von Involcan hat bestätigt, dass es derzeit zwei eruptive Öffnungen gibt. Der Vulkan öffnet sich in Las Manchas. Ein noch ruhiger Vulkan, nicht explosiv. In diesem Moment steigt die Pyroplastsäule auf und das Magma beginnt aus zutreten und bildet einen Lavastrom. Ungefähr 1000 Menschen müssen evakuiert werden. Der neue Vulkan liegt nur wenige Kilometer nördlich neben dem Vulkan San Juan von 1949. Jetzt beginnt bereits der Lavastrom Richtung Atlantik zufließen. Auch sind Brände zu beobachten. Die Rauch- und Gassäule zieht westlich über den Atlantik ab. Von der Ostseite ist wegen der dicken Wolkendecke auf der Cumbre noch nichts zu entdecken. Ich stehe mit einem Beobachter auf der Westseite in Verbindung.“

Der neue Vulkan von La Palma ist geboren und es waren mindestens drei Lavaströme die sich im Zickzack Kurs auf den Weg zum Meer machten. Menschen und Tiere konnten sich in Sicherheit bringen, aber alles, was man nicht bewegen konnte, wurde begraben und verschwand für immer. Egal ob es sich dabei um Häuser, Gärten und Plantagen oder Strassen handelte. Der Hauptstrom wurde immer höher und die bis zu fünfzehn Meter hohe – mittlerweile auf bis zu fünfzig Meter angewachsene – zähe und glühende Masse verschlingt noch immer langsam aber unersättlich alles, was sich ihr in den Weg stellt.

Ich will euch jetzt auch nicht die chronologische Geschichte des Vulkanausbruchs erzählen. Ich bin nicht vor Ort und deshalb, genau wie viele andere auch, nur Beobachter aus sicherer Entfernung. Wer immer aktuell informiert sein möchte, kann gerne auf der Internetseite von La Palma News stöbern, dort findet ihr Nachrichten und interessante Reportagen über den Vulkanausbruch und die Insel. Mir geht es heute um etwas ganz anderes.

„Das Geheimnis lange und gesund zu leben, besteht darin, die Hälfte zu essen, doppelt so weit zu gehen, dreimal so viel zu lachen, und ohne Begrenzung zu lieben.“ ist eine alte Weisheit aus Tibet, die ich vor kurzen in einem FB Beitrag von mir geschrieben habe. Darauf gab es dann auch folgenden Kommentar: „Gilt das auch für Menschen, die nichts zu Essen haben und den Weg zum nächsten Brunnen nicht mehr schaffen?“ Und jetzt fehlen mir momentan die Worte…

Ich kann doch nicht die ganze Welt retten, oder? Zum Beispiel der Vulkanausbruch auf unserer Nachbarinsel. Da sind auf der einen Seite die Menschen, die damit leben und mit der schrecklichen Situation umgehen müssen. Sie haben alles verloren, alles, wofür sie gearbeitet, verzichtet und gespart haben. Alle Erinnerungen wie Fotos, Bücher, einfach alles ist weg. Das ganze Leben. Wenn ich sage, dass mir diese Menschen leid tun, untertreibe ich noch, denn ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich da anfühlt. Ich habe es noch nie erlebt.

Wenn ich jetzt aber Fotos wie diese sehe, darf ich dann nicht sagen, dass ich sie faszinierend finde? Darf der Mensch hinter der Kamera dieses Foto überhaupt machen?

Die Welt besteht doch nicht nur aus schwarz und weiß, gut und böse, arm und reich, gebildet und ungebildet oder krank und gesund. Die Welt ist bunt und hat für jeden einzelnen von uns ein anderes Gesicht. Wir können vieles im Leben gut oder schlecht machen aber wir sind nicht verantwortlich für jedes Problem – oder Schicksal – auf dieser Erde. Es ist schlimm genug, dass man so oft nur zusehen und nicht wirklich helfen kann. Empathie ist wichtig aber es gibt nicht nur den Tag sondern auch die Nacht. Nicht nur der Sommer, die Sonne und das Licht, die Nacht, der Winter, Regen und Schatten gehören ebenso dazu. Wir dürfen lachen – auch wenn andere zur gleichen Zeit leiden und traurig sind. Oder seht ihr das anders?

“Wenn jeder schuldig ist, dann ist niemand schuldig.” ist ein Zitat von Concepción Arenal. Wer sie nicht kennt – sie wurde 1871 zur Generalsekretärin des Spanischen Roten Kreuzes ernannt und schrieb Artikel für die Zeitschrift des Spanischen Roten Kreuzes „La Caridad en la Guerra“ übersetzt „Nächstenliebe im Krieg“

Über ARTlandya - der Blog

Teneriffa ist eine ganz besondere Insel im Atlantik und auf ARTlandya, einer wunderschönen Finca in Icod de los Vinos erwartet euch eine verzauberte Welt mit KünstlerPUPPEN, TEDDYbären und viel Natur :-) Lasst euch überraschen und stöbert einfach in meinen Beiträgen!
Dieser Beitrag wurde unter aktuelle Meldungen, Allgemein, Fincaalltag, Tagebuch, Yannes Welt abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Lebenszeichen

  1. kubde schreibt:

    „Die Wellen im Meer kommen und gehen.“
    Die Wellen des Meeres ist vergleichbar mit der Schöpfung. Wir sind zwar nur die Wellen jedoch gemeinsam sind wir das Meer. Wellen werden geboren und sterben wieder. Das Meer jedoch bleibt bestehen. So ist das auch im Leben: Nur wer gibt kann auch empfangen. Ein ewiger Kreislauf des Ausgleichs kann nur so stattfinden. Das ist das Gesetz der Natur!

    Gefällt 2 Personen

  2. Das stimmt. Einige Pflanzen – wie in Südafrika die Protea – kann sich ohne Feuer gar nicht vermehren. Erst mit dem Brand versprengen sich die Samen in der Natur und können wieder keimen. Mir kommt es oft nur so vor, als ob heute jeder Mensch für irgendein Unglück verantwortlich sein soll. Ich kann das schwer erklären, aber vielleicht gelingt es mir doch noch irgendwann.

    Danke für deinen Kommentar, deine Worte haben mir aus der Seele gesprochen!

    Gefällt 1 Person

    • kubde schreibt:

      “ … für irgendein Unglück verantwortlich …“
      Unglück liegt lediglich im Auge des Betrachters. Erinnest Du Dich an die Geschichte vom Vater und dem Sohn in dessen Verlauf der Sohn vom Fang der Wildpferde bis hin zu seinem Unfall vom Kriegsdienst befreit wurde?
      Mach Dir einfach keine Sorgen – der Kölner sagt: „Et kütt wie et kütt“ (Das Rheinische Grundgesetz: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Rheinische_Grundgesetz).
      Liebe Grüße vom Unterhaus

      Gefällt mir

  3. kubde schreibt:

    Um Leid und Traurigkeit auszugleichen ist es sogar unsere Pflicht fröhlich zu sein. In der Natur gleicht sich doch auch alles aus. Die Wellen im Meer kommen und gehen. Der Samen der Pflanze geht auf während die Pflanze sich wieder zur Ruhe begibt. Alles ist geregelt. Nur der Mensch nimmt von der Natur mehr als er gibt. Deshalb sorgt die Natur für den Ausgleich.

    Gefällt 2 Personen

    • Meine Antwort ist leider aus Versehen als eigener Kommentar erschienen – deshalb hier noch einmal 🙂

      Das stimmt. Einige Pflanzen – wie in Südafrika die Protea – kann sich ohne Feuer gar nicht vermehren. Erst mit dem Brand versprengen sich die Samen in der Natur und können wieder keimen. Mir kommt es oft nur so vor, als ob heute jeder Mensch für irgendein Unglück verantwortlich sein soll. Ich kann das schwer erklären, aber vielleicht gelingt es mir doch noch irgendwann.

      Danke für deinen Kommentar, deine Worte haben mir aus der Seele gesprochen!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.