Los Silos und die Märchenwelt

Vorweihnachtszeit ist für mich Märchenzeit. Am Abend wird es auch bei uns auf der Insel nun früher dunkel, die Tage werden kürzer und irgendwie, wenn auch anders als im Alpenland, weihnachtet es auch am südlichsten Punkt von Europa. Wir sind mitten in der Adventszeit und eigentlich dreht sich bei mir seit ein paar Wochen zur Zeit alles um Engel, Glas und Weihnachtsgeschichten. Eine eigenartige Kombination? Nein, nicht wirklich, denn, aus unserem Glasstudio kommend, verlassen seit einigen Wochen, viele kleine und große Engel die Insel.

In Wahrheit sind es ja Schutzengel, aber da in den weihnachtlichen Werkstätten momentan ebenfalls ein gravierender Fachkräftemangel herrscht, helfen sie bis zum Fest den Weihnachtsengeln ein wenig aus. Falls unter euch also jemand ebenfalls Hilfe brauchen kann – einfach bei mir melden. Eine kurze Nachricht genügt.

So, jetzt wisst ihr auch warum meine Lebenszeichen im Blog in letzter Zeit eher selten geworden sind. Aber das wird sich wieder ändern – versprochen! Geschichten aus der Werkstatt sind für euch eher nicht besonders interessant und wer nichts unternimmt, kann auch nichts erzählen. Das ist einfach eine Tatsache, egal ob einem das gefällt oder nicht. Im stillen Kämmerlein erlebt man die Abenteuer höchstens im Kopf. Also – Engel hin oder her, vor ein paar Tagen haben wir uns eine Auszeit genommen und sind in eine andere Welt eingetaucht.

Nur ein paar Kilometer von Icod de los Vinos entfernt verwandelt sich seit vielen Jahren ein sonst eher unscheinbarer Ort in eine Märchenwelt. Die kleine Gemeinde der Isla Baja, ist seit vielen Jahren zu einem internationalen Bezugspunkt für Liebhaber von Geschichten und mündlichen Überlieferungen geworden. Das Festival begann 1996, findet seitdem jedes Jahr im Dezember statt – und verwandelt Los Silos in eine Stadt der Träume und Geschichten. Ach ja, zur Erklärung, nicht dass jemand glaubt die Isla Baja sei eine neue Insel der Kanaren. Als Isla Baja bezeichnet man den Nordwesten Teneriffas und damit die Gemeinden Buenavista del Norte, Garachico, Los Silos und El Tanque.

„Böse Zungen behaupten, dass große blaue Augen Tag und Nacht über die Menschen in Los Silos wachen. Als ich das Gerücht hörte, beschloss ich zunächst, ihm nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn in dieser rätselhaften Gemeinde Teneriffas wird gewöhnlich alles auf phantastische, literarische und daher ein wenig beängstigende Weise interpretiert. Daher hielt ich es für sehr wahrscheinlich, dass die „wachsamen blauen Augen“ eine Metapher sind, die von dem Minnesänger Diego Pun oder vielleicht von einem der Erzähler beschrieben wurde? Wer weiß…

Im Laufe der Tage entdeckte ich ein Foto, das bestätigte, dass die Gerüchte stimmten. Es war so real wie die Sonne, eine Gabel, eine Schnecke oder ein kalter Luftzug… diese riesigen Augen, blau wie das Meer, schienen den Horizont abzutasten, auf der Suche nach etwas, das irgendwo in Los Silos verloren ging.

Manchmal bewahrheiten sich Gerüchte, auch wenn sie noch so verrückt und unwirklich klingen, und lassen selbst die größten Ungläubigen sprachlos zurück. Seien Sie also während des Festivals vorsichtig, denn es ist wahrscheinlich, dass Sie mehr als ein unwahrscheinliches, unerklärliches oder magisches Ereignis überraschen wird!“

Luigi Stinga und die Kulissen des Int. Festivals der Geschichten von Los Silos

Einmal im Jahr findet in Los Silos ein ganz besonderes Fest statt, el Festival del Cuento. Das mag vielleicht nach einer Veranstaltung für Kinder klingen, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Drei Wochen lang lesen kleine und große Kinder, Eltern und Autoren gemeinsam Geschichten und Bücher, es wird Puppentheater gespielt, Theater aufgeführt und noch vieles mehr. Jedes Jahr wird dafür ein anderes Thema gewählt. Ich kann mich noch an die Themen Luft, Wasser, Magie und Lachen erinnern. Für die 27. Ausgabe hat man sich auf für das Thema Migranten entschieden. Ein gutes Thema, denn Migration ist älter als die Zivilisation und es betrifft nicht nur Menschen die ihr Land verlassen sondern auch die Bevölkerung der Länder, in denen sich die Kulturen vermischen.

Beim Erkunden der engen Gassen öffnet sich vor euren Augen, Seite für Seite, ein Bilderbuch und dort und da entdeckt ihr dann seltsame Figuren, die auf geheimnisvolle Weise aus den Büchern gestiegen sind und neugierig auf ihre Geschichten machen. Das ist die Magie eines Festes, das Jung und Alt verzaubert und verbindet. Ich nehme euch jetzt einmal mit auf einen kleinen Spaziergang durch die Märchenwelt von Los Silos. Ich bin mir sicher, der Ausflug wird euch gefallen.

Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen altern, die Gebäude bekommen Risse, aber das Bedürfnis nach Wärme und Verständnis bleibt gleich. Die vielen bunten und schillernden Gestalten werden in einigen Tagen wieder verschwinden. Sie leben dann wie immer in ihrer eigenen Welt, zwischen den Seiten und Zeilen der Märchen und Geschichten. Fein säuberlich aufgereiht im Bücherregal. Aber sie sind nicht tot – wir können sie jederzeit wieder zum Leben erwecken und sie in unsere Welt zurück holen. Wofür haben wir denn unsere Fantasie? Wir sollten sie nutzen…

Für die Veranstalter ist Fantasie ein grundlegender Bestandteil von Bildung und deshalb bevölkern im Herbst Magie und Fantasie die Straßen von Los Silos und auch die vielen Geschichtenerzähler, Schriftsteller, Illustratoren und andere Künstlern, tragen ihren Teil dazu bei. Bei diesem Festival verderben nicht viele Köche den Brei, im Gegenteil, sie machen ihn zu einer einzigartigen Spezialität.

„Lesen von Büchern kann uns darauf vorbereiten, das Leben besser zu lesen“. Ein Fest dieser Art ist etwas ganz Besonderes. Wenn es in jeder Gemeinde ein solches Fest gäbe, wäre es vielleicht einfacher, die Menschen in eine dauerhafte Bereitschaft einzubeziehen, vor anderen zu stehen. Ich sage das, weil dies ein Festival ist, das nicht nur in geschlossenen Räumen stattfindet, das nicht auf der Bühne einer Universität oder Institution stattfindet. Es ist auf der Straße und von der Straße aus ist es möglich, Menschen zu treffen, Geschichten zu hören, sich mit anderen Weltbildern und anderen kulturellen Aspekten auseinanderzusetzen. Las diferencias que agregan y no las que separan. So können Unterschiede bereichern und trennen nicht.“

Eliana Yunes

Worte tarnen sich nur als unterschiedliche Stimmen, aber ihre Natur liegt auf den Straßen. Sie sind Luft und Wasser, Wind und Wellen.

„Reisende Worte erschließen uns die Welt und zeigen die andere Seite der Dinge. Mit ihnen entstehen Geschichten, Gedichte, Bräuche und vieles mehr.“

Worte und Sprachen sind wie fahrende Busse, die von unerwarteten Passanten bestiegen werden. Niemand fragt sich, woher ein Wort kommt, wenn er es findet, niemand weigert sich, es zu verwenden. Worte sind und waren immer Migranten, niemand konnte sie aufhalten. Worte, sind die einzigen, die ohne Visum migrieren auswandern. Worten sind es, die Träume verschenken oder den Geist öffnen, um die Welt zu verändern. Diejenigen, die die größten Geheimnisse bergen. Die, die alles sagen.

El Festival del Cuento ist eine Idee, die entstanden ist, um die Lust am Lesen, Hören von Geschichten und Kennenlernen von Schriftstellern und Literaten zu wecken. Das Hören von Geschichten wie früher ist eine Tatsache, die in Los Silos in den letzten Novembertagen und den ersten Dezembertagen eines jeden Jahres stattfindet. In diesen Tagen hörte Los Silos auf zu existieren, sodass die Stadt der Träume entstand, die Stadt LOS CUENTOS.

Fantasie kann alles! Warum sollte also ein Fisch kein Märchenschloss auf seinem Rücken tragen? Für unsere Augen sichtbar gemacht hat das Schloss El bosque de los cuentos, aus dem Wald der Geschichten, Lorenzo Méndez „Lencho“, ein lokaler Künstler aus Los Silos.

Für einen Spaziergang durch die märchenhaften Gassen ist es heuer bereits zu spät, das Märchenbuch steht wieder im Regal. Es ist Zeit für eine neue Geschichte, aber irgendwie sind wir ja schon mitten drinnen. Abends verwandeln in vielen Städten weiße, goldene und ab und zu auch bunte Lichter die dunklen Gassen und Plätze in wunderschöne Bilder. Langsam aber sicher beginnt die geheimnisvolle Zeit, in der die Heiligen Drei Könige wieder die Hauptrolle auf der Insel spielen werden. Auch wenn mittlerweile Santa Claus seine Spuren, oder besser gesagt seine roten Mützen, erfolgreich auf der Insel verteilt hat. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

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Über ARTlandya - der Blog

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5 Antworten zu Los Silos und die Märchenwelt

  1. Manuela Mordhorst schreibt:

    Ich freu mich schon so sehr Anfang Januar 2023 endlich wieder auf Teneriffa sein zu können. Deine Berichte sind immer so toll und erinnern an vieles, machen aber auch Lust auf Neues. Frohe Festtage und eine gute Zeit. Herzlich, Manuela

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  2. kybtf schreibt:

    Alle Jahre wieder – und doch jedesmal ein wenig anders. Lediglich die positive Energie von Los Silos bleibt.
    Herzlichen Dank für den vorweihnachtlichen Beitrag.

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    • Ich freue mich jedes Jahr auf dieses Festival und es ist immer schön zu sehen, wie viele Familien mit Kindern durch die Gassen gehen und diese Märchenwelt erleben.
      Die Welt besteht zum Glück nicht überall nur aus Abenteuern auf dem Bildschirm 🙂 Liebe Grüße Ingrid

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  3. evaannacarola schreibt:

    All diese Geschichten u Feste über die du berichtest…. es erscheint mir ein wunderbarer Ort, um dort zuhause zu sein…

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