Los Silos und die Märchen

Vor ein paar Tagen sind wir wieder einmal nach Los Silos gefahren und wenn ihr auch zufällig hier in der Nähe seid, solltet ihr das auch tun. Warum? Was sollte man nicht versäumen? Eigentlich ist es ganz leicht zu erklären aber mir fehlen irgendwie die richtigen Argumente. Einige von euch werden vielleicht denken, dieses Thema sei ja nur für Kinder geeignet und andere behaupten die Zeit ist zur Zeit viel zu gefährlich für solche Aktionen und überhaupt nicht geeignet total fehl am Platz aber ich glaube, den meisten wird es ein Lächeln ins Gesicht zaubern…

„Widdewiddewitt und Drei macht Neune !! Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt ….“ hat Pipi Langstrumpf fröhlich trällernd in die Welt hinaus gesungen. „Du siehst die Welt nicht so wie sie ist, du siehst die Welt so wie du bist.“ 🌟 ist ein Spruch, den ich auf der Seite von Mooji gefunden habe und beide Aussagen treffen den Nagel auf den Kopf. Zumindest für eine kurze Zeit in Los Silos.

Einmal im Jahr findet in Los Silos ein Fest nicht nur für die Kinder statt, el Festival del Cuento. Drei Wochen lang werden gemeinsam Geschichten und Bücher gelesen, es wird Puppentheater gespielt, Theater aufgeführt und noch vieles mehr. Fantasía pura para un genial festival de cuentos. 🤡 Bei einem Spaziergang durch die Gassen von Los Silos könnt ihr euren Gedanken und der Fantasie freien Lauf lassen.

Beim Erkunden der engen Gassen öffnen sich vor euren Augen Seite für Seite eines Bilderbuches und dort und da entdeckt ihr dann seltsame Figuren, die auf geheimnisvolle Weise aus den Büchern gestiegen sind und neugierig auf ihre Geschichten machen. Das ist die Magie eines Festes, das Jung und Alt verzaubert und verbindet. Ich nehme euch jetzt einmal mit auf einen kleinen Spaziergang durch die Märchenwelt von Los Silos. Ich bin mir sicher, der Ausflug wird euch gefallen.

„Saludos de parte del pulpo del callejón. Dice que, mientras ustedes le miraban con auténtica admiración, él se olvidó del mar, su casa.¡Pobre exiliado en Los Silos!“ Luigi Stinga

Was macht diese Krake soweit weg vom gewohnten Wasser? Ist sie auf der Flucht oder was will sie uns erzählen? Ich bin ihrem Geheimnis leider nicht auf die Spur gekommen, aber sie muss entweder ganz erschöpft oder sehr friedlich sein. Sie hat mich ohne mit der Wimper zu zucken an sich vorbei gehen lassen.

Bis zum Ende des Internationalen Geschichtenfestivals verwandeln die fantasievollen Gestalten aus den Geschichten und Märchen das alte Zentrum von Los Silos in ein Märchenbuch. Die kleinen und großen Kunstwerke der Kinder sind in der Calle El Olivo verteilt und alle Schüler der sechs Schulen und sogar die Kindergartenkinder von Los Silos haben ihren Teil dazu beigetragen.

Unter dem Motto Lachen 2021 haben die Kinder – und ich vermute auch viele Eltern – lustige Figuren gebastelt, die für sie für Lachen, Freude und Spaß typisch sind.

„Mit dieser Aktivität nähern wir uns nicht nur der Welt des Geschichtenerzählens und des mündlichen Erzählens, sondern vermitteln den Schülern auch die Bedeutung des Recyclings in der heutigen Gesellschaft.“

Für die Veranstalter ist Fantasie ein grundlegender Bestandteil von Bildung und aus diesem Grund haben sie ganz bewusst das Thema Lachen für dieses Jahr gewählt. Deshalb bevölkern im Herbst Magie und Fantasie die Straßen von Los Silos und auch die vielen Geschichtenerzähler, Schriftsteller, Illustratoren und andere Künstlern, tragen ihren Teil dazu bei.

Bei diesem Festival verderben nicht viele Köche den Brei, im Gegenteil, sie machen ihn zu einer einzigartigen Spezialität. Es gibt ja auch viele Arten des Lachens. Man kann in Lachen ausbrechen oder eher schüchtern kichern, schmunzeln oder Tränen lachen, glucksen, gackern oder quietschen, herausplatzen oder lautlos lachen. Egal wie, eines ist sicher: Lachen ist gesund!“

Das haben sich anscheinend die Bewohner dieses Hauses gedacht und ihr Fenster passen verschönert. Wie man sehen kann, klappt das auch mit ganz einfachen Mitteln. Ein paar Pappteller, ein Stift und fertig ist das Mondgesicht lachende Gesicht.

Warum sitzt denn dieser kleine Fischer auf der hohen Wand? Hier ist weit und breit kein Meer in Sicht und Bananen sind ja wohl nicht seine gewünschte Beute. Soll ich euch seine Gedanken verraten? „Aquí no se pesca nada. La gente se acerca y solo miran mi careto inflado de hambre y de aburrimiento. Nadie muerde el maldito anzuelo. «¡Ay, qué escultura más linda! ¡Sácale una fotito para el Facebook!», exclaman esos mirones  atolondrados de allá abajo.

Frei übersetzt „Hier gibt es keine Fische. Die Leute kommen auf mich zu und schauen mir gelangweilt in mein aufgeblasenes Gesicht. Niemand interessiert sich für den verdammten Köder. „Oh, was für eine schöne Skulptur, mach ein Foto davon für Facebook“, rufen die Gaffer dort unten.

¿De verdad  yo nací para esta insoportable quietud de piedra? ¿Para pasar interminables días y noches sobre bloques de hormigón cargando con una estúpida caña que no apunta ni a un fisco de mar? ¿Qué cruel castigo…“ Was habe ich getan, um dieses tragische Schicksal zu erleiden. Nur weil ein Bildhauer sein Geld verdienen will, muss ich als elender Fischer versuchen einen Fisch aus der Luft zu fangen? Habt ein bisschen Mitgefühl mit mir und bringt mir ein paar Sardinen. Hier auf dieser Mauer werde ich keinen einzigen Fisch erwischen und mein Magen knurrt vor Hunger und Langeweile. Glaubt mir, bevor ich geformt wurde, war ich ein sehr glücklicher Mensch.“

Der Künstler, von dem der kleine Fischer so vorwurfsvoll spricht, hat übrigens einen bekannten Namen – es ist Luigi Stinga und der hat auch dem eleganten Ganoven, der ein paar Schritte weiter ganz lässig an ein Wand lehnt, Leben eingehaucht.

Arsène Lupin ist der berühmteste und am meisten bewunderte Dieb in einem schwarzen Mantel, den die Welt je gekannt hat. Na ja, die ganze Welt ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber Frankreich und Spanien machen ja auch schon einen großen Teil davon aus und vor allem in diesen Ländern war der Mann ein berühmter und verehrter Held.

Arsène Raoul Lupin war ein geborener Gentleman. Genial und verführerisch handelte der smarte Meisterdieb nach seinen eigenen Gesetzen, gehorchte aber stets einem ritterlichen Ehrenkodex. Er verabscheute Gewalt und tötete dementsprechend nur in absoluter Notwehr. Er war eben ein vollkommener Held, ohne Fehl und Tadel. Sozusagen ein französischer Robin Hood in eleganter Ausführung. Ob er in Los Silos sein nächstes Opfer im Visier hat?

Langsam geht mein Spaziergang zu Ende, dabei gibt es außer den Hauptfiguren noch viele andere Dinge zu entdecken. Unter anderem findet ihre viele wunderschöne Tafeln, wie zum Beispiel diese drei, auf ganz unscheinbaren Hauswänden am Weg durch die Märchenwelt des Städtchens. Sie erzählen kleine Ausschnitte aus Büchern und Geschichten, die zum Thema des Jahres passen und bleiben auch nach dem Festival erhalten.

„In diesem Jahr wollen wir nach Einbruch der Dunkelheit Vorhänge, Türen und Fenster öffnen, um Freiheit, Licht und Freude zu retten. Das Lachen ist das zentrale Element des Festivals und dafür greifen wir nicht nur auf den leichten Witz zurück, sondern auch auf Besinnung und Übertretung, auf alles, was verboten war. Im Mittelalter waren es nur Gaukler und Narren, die durch Lachen sogar den König kritisieren und ihm seine Fehler und Laster vor Augen führen durften.

Nach den Stürmen schien immer wieder die Sonne. Und als sich die grauen Wolken auflösten, kamen die vom Wind, vom Regen und von den Wellen getragenen Gegenstände zum Vorschein. Es waren magische Artefakte, wie das Wort, das Angst hervorruft.

Jetzt ist ein neues Jahr und die Geschichten, die Gedichte, die Worte leuchten wieder in den Straßen von Los Silos. Wir ziehen einen Vorhang aus rustikalem Stoff über die Vergangenheit. Vergessene Stunden, verlorene Minuten und Momente der Einsamkeit werden zurückgelassen. So wie im Mittelalter die große Pest in Europa Geschichtenerzähler und Träumer auf den Plan rief, werden wir auch in diesem Jahr wieder die Türen öffnen und die eingesperrten Geschichten auf die Straße lassen. Die Flamme der wahren Worte wird einige Tage lang brennen.

Viel Spaß!Miguel Hernández

Lachen wird oft als etwas Einfaches und Banales angesehen, aber, wie Miguel Hernández richtig sagte, „ist es ein Schwert, mit dem man kämpfen und eine bessere Gesellschaft verteidigen kann.“ Hoffen wir, dass dieses Jahr von Los Silos ein tolles Lachen zu uns kommt.

Die Gesellschaft verändert sich, die Menschen altern, die Gebäude bekommen Risse, aber das Bedürfnis nach Wärme und Verständnis bleibt gleich. Die vielen bunten und schillernden Gestalten werden in einigen Tagen wieder verschwinden. Sie leben dann wie immer in ihrer eigenen Welt, zwischen den Seiten und Zeilen der Märchen und Geschichten. Fein säuberlich aufgereiht im Bücherregal. Aber sie sind nicht tot – wir können sie jederzeit wieder zum Leben erwecken und sie in unsere Welt zurück holen. Wofür haben wir denn unsere Fantasie? Wir sollten sie nutzen…

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Weihnachtswerkstatt

Glück und Glas, wie leicht bricht das. Wie leicht Glück zerbricht weiß ich nicht, aber bei Glas bin ich anderer Meinung. Bei Glas behaupte ich – stimmt nicht immer! Ich sage schreibe das mit voller Überzeugung, denn durch meine Hände wandern seit vielen Tagen wirklich viele, bunte Glasteilchen. Warum? Ich habe zur Zeit meinen Arbeitsplatz vom Schreibtisch in die Weihnachtswerkstatt verlagert. Und wer ist schuld daran? Ich würde dafür die Heiligen Drei Könige verantwortlich machen, immerhin sind diese drei Männer für die Geschenke in Spanien zuständig.

Als Kind habe ich genau gewusst wer für die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum zuständig ist. Das Christkind! Damit auch jedes Kind ein Geschenk bekommen konnte, wurde in der Weihnachtswerkstatt das ganze Jahr über fleißig gearbeitet. Zuständig dafür waren viele kleine Helferlein mit Flügeln auf dem Rücken. Das stimmt nicht? Dann schaut euch doch einmal die vielen Bilderbücher in meinem Regal an. Und was auf Papier gedruckt wird muss ja stimmen, oder?

Das Christkind gibt es nicht? Für den ganzen Weihnachtszauber ist der Weihnachtsmann zuständig? Auch gut. Der lebt zwar am Nordpol irgendwo in einer riesigen Eishöle, aber auch er hat viele emsige Helferlein. Die Elfen produzieren die Geschenke für brave Kinder und helfen sogar beim Verpacken. Zumindest habe ich das so im Fernsehen gesehen. Ich glaube, es war ein Dokumentarfilm über diesen fleißigen Lieferanten der Geschenke. Oder verwechsle ich jetzt den Weihnachtsman mit Santa Claus? Naja, so schlimm ist das ja auch wieder nicht, beide sind für den kindlichen Weihnachtsfrieden zuständig, oder?

Aber jetzt wieder zurück zu den drei Königen, die ja eigentlich nicht einmal eine Krone auf dem Kopf hatten sondern in Wahrheit ja „nur“ drei Weise aus dem Morgenland gewesen sein sollen. Die drei Männer haben natürlich keine Helfer in ihren Werkstätten oder Lesestuben gehabt. Warum auch? Sie hätten sie nicht benötigt, denn ihre Gaben waren symbolische Geschenke. Gold, Weihrauch und Myrrhe. Aber das ist jetzt ja eigentlich nicht das große Thema.

Ihr wollt sicher wissen, wie es in unserer Weihnachtswerkstatt aussieht? Da wird fleißig Glas geschnitten und mit vielen, verschiedenen Farbpigmenten eingefärbt. Das ganze ist natürlich ein super gut gehütetes Geheimnis. Dann kommen die Teile auf feuerfeste Platten und verschwinden für einige Stunden im Ofen. Da kommen sie ganz schön ins Schwitzen, denn die Temperatur klettert da schon einmal auf heiße 800 Grad. Da muss man den gläserneren Teilchen natürlich eine lange Zeit zum Abkühlen geben. Sie müssen ja ganz sanft in die Realität entlassen werden, denn wenn das nicht der Fall sein sollte, würden sie erschrecken und ganz von selbst klirrend in kleine Teilchen zerfallen. Und das will niemand.

Nachdem unsere Weihnachtskarten im vergangenen Jahr so gut angekommen sind, haben wir uns auch heuer wieder etwas Besonderes einfallen lassen. Das Ergebnis sind wunderschöne, gläserne Bäumchen in fünf verschiedenen Farben und drei Größen. Der Clou daran ist, dass die Weihnachtsbäumchen auch als Dekoration verwendet werden können, denn jedes einzelne Bäumchen bekommt eine Öse aus Silberdraht. Zum Verschenken fixieren wir sie auf weißen Klappkarten, und stecken sie mit einem passenden Kuvert in eine schützende Celophanhülle. Bruchsicher verpackt können sie sich so auf jede Reise begeben.

Ich finde, die zauberhaften Geschenkskärtchen mit dem Motiv aus Glas sind eine tolle Ergänzung und verleihen jedem noch so kleinen Geschenk eine ganz besondere Note und sind für den ein oder anderen sogar ein ganz besonderes Wichtelgeschenk. Mit einem bunten Glasbäumchen kann man sogar ganz schnell einen Gutschein stilvoll und ganz persönlich verpacken.

Ich weiß, jetzt kommt gleich der Einwand, dass ihr zu Weihnachten keine Geschenke mehr unter den Weihnachtsbaum legt. „Wir schenken uns schon seit Jahren nichts mehr“ heißt es immer öfter. Das kann schon sein – aber ich glaube nicht, dass Weihnachten ohne ein bisschen Dekoration gar so üblich ist. Oder täusche ich mich da? Ehrlich gesagt kann ich mir das nicht vorstellen. Gerade jetzt, wo es schon immer früher dunkel wird beginnt für mich die Zeit der Teelichter und Kerzen. Dann wird es irgendwie gleich viel gemütlicher…

Oder kennt ihr den Brauch mit den Barbarazweigen noch? Am 4. Dezember werden Kirschzweige, so genannte Barbarazweige eingefrischt und je schöner die Zweige zu Weihnachten blühen, umso mehr Glück kann man im nächsten Jahr erwarten. Die Barbarazweige können aber noch viel mehr! Soll ich euch das Geheimnis verraten?  Wenn man sie ohne Worte vom Baum schneidet und dabei an etwas ganz bestimmtes denkt, dann geht dieser Wunsch in Erfüllung. Aber nur, wenn man niemandem davon erzählt! Das nur nebenbei. Ich werde auf die kahlen Zweige auf alle Fälle ein paar zarte Glasbäumchen hängen, denn dann muss ich nicht ein paar Wochen darauf warten bis sich die Kirschblüten endlich öffnen.

Die Glasbäumchen aus unserer Weihnachtswerkstatt eignen sich wirklich für viele Zwecke und ich würde mich freuen, wenn sich der ein oder andere von euch sich dafür entscheiden würde. Schreibt eure Wünsche einfach in die Kommentare aber bitte wartet nicht zu lange – Weihnachten kommt wirklich schneller als gedacht!

P.S. Die Glasbäumchen sind 5, 7 oder 8 cm groß

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Lebenszeichen

In letzter Zeit habt ihr nicht besonders viel von mir zu hören oder besser gesagt zu lesen bekommen, dabei hätte ich so viele Themen, über die ich schreiben möchte, zur Auswahl. Warum das so ist, erkläre ich euch in den nächsten Tagen, aber wenigstens ein Thema möchte ich heute abhaken. Der Rest folgt so schnell wie möglich – versprochen!

Für euch ist es mit Sicherheit keine Neuigkeit und mein Leben betrifft diese Situation ebenfalls nicht direkt. Trotzdem beschäftigt mich das Thema, immerhin spielt sich dieses Naturereignis fast vor meinen Augen ab. Von unserer Terrasse haben wir La Palma meistens gut im Blick. Den Verlauf der Sonne können wir an dieser Insel erkennen. Im Sommer versinkt die Sonne rechts von La Palma im Meer und auf dem Weg zur Wintersonnenwende geht sie links davon unter. Die Insel ist auch nicht weit von Teneriffa entfernt und wir haben schon einige Kurzurlaube dort verbracht. La Isla Bonita, wie sie liebevoll genannt wird, ist eine ganz besondere Insel. Und jetzt hat sich auf unserer Nachbarinsel La Palma die Unterwelt an die Oberfläche verlagert und das Leben von tausenden Menschen komplett durcheinander gebracht. Die Welt buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die rot glühende Lava, die mit aller Kraft nach oben brodelt und auf ihrem Weg zum Meer zischend unzählige Lebensträume und harte Arbeit innerhalb kurzer Zeit nicht in Luft auflöst, sondern erbarmungslos unter einer zähen, schwarze Masse begräbt, unterscheidet nicht ob Arm oder Reich, Jung oder Alt. Die Natur behandelt alle gleich. Der Vulkan macht was er will und auch die Experten können müssen jeden Tag ihr Wissen täglich neu ordnen.

Hier auf Teneriffa war der 19. September ein ganz normaler Sonntag, doch auf La Palma veränderte sich an diesem Tag die Geschichte der Insel. Ein Großteil der Bevölkerung im betroffenen Gebiet von La Palma lebte bereits mit gepackten Koffern, insbesondere in der Gegend von Las Manchas, und auch einige Bewohner von El Paso waren davon betroffen. Um 15.11 Uhr war es dann soweit – ein neuer Vulkan bricht in Montaña Rajada in El Paso aus.

Manfred Betzwieser, der auf La Palma lebt, schreibt dazu: „Es ist ein unbewohntes Gebiet, obwohl es in der Nähe einige Häuser gibt. David Calvo von Involcan hat bestätigt, dass es derzeit zwei eruptive Öffnungen gibt. Der Vulkan öffnet sich in Las Manchas. Ein noch ruhiger Vulkan, nicht explosiv. In diesem Moment steigt die Pyroplastsäule auf und das Magma beginnt aus zutreten und bildet einen Lavastrom. Ungefähr 1000 Menschen müssen evakuiert werden. Der neue Vulkan liegt nur wenige Kilometer nördlich neben dem Vulkan San Juan von 1949. Jetzt beginnt bereits der Lavastrom Richtung Atlantik zufließen. Auch sind Brände zu beobachten. Die Rauch- und Gassäule zieht westlich über den Atlantik ab. Von der Ostseite ist wegen der dicken Wolkendecke auf der Cumbre noch nichts zu entdecken. Ich stehe mit einem Beobachter auf der Westseite in Verbindung.“

Der neue Vulkan von La Palma ist geboren und es waren mindestens drei Lavaströme die sich im Zickzack Kurs auf den Weg zum Meer machten. Menschen und Tiere konnten sich in Sicherheit bringen, aber alles, was man nicht bewegen konnte, wurde begraben und verschwand für immer. Egal ob es sich dabei um Häuser, Gärten und Plantagen oder Strassen handelte. Der Hauptstrom wurde immer höher und die bis zu fünfzehn Meter hohe – mittlerweile auf bis zu fünfzig Meter angewachsene – zähe und glühende Masse verschlingt noch immer langsam aber unersättlich alles, was sich ihr in den Weg stellt.

Ich will euch jetzt auch nicht die chronologische Geschichte des Vulkanausbruchs erzählen. Ich bin nicht vor Ort und deshalb, genau wie viele andere auch, nur Beobachter aus sicherer Entfernung. Wer immer aktuell informiert sein möchte, kann gerne auf der Internetseite von La Palma News stöbern, dort findet ihr Nachrichten und interessante Reportagen über den Vulkanausbruch und die Insel. Mir geht es heute um etwas ganz anderes.

„Das Geheimnis lange und gesund zu leben, besteht darin, die Hälfte zu essen, doppelt so weit zu gehen, dreimal so viel zu lachen, und ohne Begrenzung zu lieben.“ ist eine alte Weisheit aus Tibet, die ich vor kurzen in einem FB Beitrag von mir geschrieben habe. Darauf gab es dann auch folgenden Kommentar: „Gilt das auch für Menschen, die nichts zu Essen haben und den Weg zum nächsten Brunnen nicht mehr schaffen?“ Und jetzt fehlen mir momentan die Worte…

Ich kann doch nicht die ganze Welt retten, oder? Zum Beispiel der Vulkanausbruch auf unserer Nachbarinsel. Da sind auf der einen Seite die Menschen, die damit leben und mit der schrecklichen Situation umgehen müssen. Sie haben alles verloren, alles, wofür sie gearbeitet, verzichtet und gespart haben. Alle Erinnerungen wie Fotos, Bücher, einfach alles ist weg. Das ganze Leben. Wenn ich sage, dass mir diese Menschen leid tun, untertreibe ich noch, denn ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich da anfühlt. Ich habe es noch nie erlebt.

Wenn ich jetzt aber Fotos wie diese sehe, darf ich dann nicht sagen, dass ich sie faszinierend finde? Darf der Mensch hinter der Kamera dieses Foto überhaupt machen?

Die Welt besteht doch nicht nur aus schwarz und weiß, gut und böse, arm und reich, gebildet und ungebildet oder krank und gesund. Die Welt ist bunt und hat für jeden einzelnen von uns ein anderes Gesicht. Wir können vieles im Leben gut oder schlecht machen aber wir sind nicht verantwortlich für jedes Problem – oder Schicksal – auf dieser Erde. Es ist schlimm genug, dass man so oft nur zusehen und nicht wirklich helfen kann. Empathie ist wichtig aber es gibt nicht nur den Tag sondern auch die Nacht. Nicht nur der Sommer, die Sonne und das Licht, die Nacht, der Winter, Regen und Schatten gehören ebenso dazu. Wir dürfen lachen – auch wenn andere zur gleichen Zeit leiden und traurig sind. Oder seht ihr das anders?

“Wenn jeder schuldig ist, dann ist niemand schuldig.” ist ein Zitat von Concepción Arenal. Wer sie nicht kennt – sie wurde 1871 zur Generalsekretärin des Spanischen Roten Kreuzes ernannt und schrieb Artikel für die Zeitschrift des Spanischen Roten Kreuzes „La Caridad en la Guerra“ übersetzt „Nächstenliebe im Krieg“

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Little Amal und ihre Reise

Kennt jemand von euch Amal? Noch nie gehört? Oder doch? Ich glaube eher nicht, auch wenn es sich um ein kleines Flüchtlingsmädchen handelt. Über solche Aktionen wird eher selten berichtet. Nachrichten über Katastrophen, Mord und Totschlag locken eben mehr Menschen aus der Reserve und der verbleibende Platz in den Medien besteht sowieso nur mehr aktuell eher aus Schlagzeilen über das Virus mit dem Krönchen.

Die kleine Amal ist ein neunjähriges Mädchen aus Aleppo, das im Krieg ihre Eltern verlor. Sie hat sich am 27. Juli 2021 vom türkischen Gaziantep, das in der Nähe der Grenze zu Syrien liegt, auf eine lange Reise gemacht. Ihr Weg führt sie quer durch die Türkei und acht Länder durch Europa – über achttausend Kilometer von Syrien bis Großbritannien. Ihre Reise dauert drei lange Monate. Über Izmir und Rom, Marseille, Genf und Straßburg wird die kleine Amal auch nach Deutschland kommen. Vom 1. Bis zum 3. Oktober 2021 könnt ihr sie in Stuttgart, Köln und Recklinghausen sehen. Anschließend wandert sie über Antwerpen, Brüssel, Paris und London bis nach Manchester in Großbritannien.

Good Chance, eine britische Theatertruppe, will mit diesem Projekt auf die Millionen von Geflüchteten hinweisen, deren Schicksal über die Corona-Pandemie in Vergessenheit zu geraten droht. Mit den Worten „Gerade weil die Welt jetzt auf andere Themen schaut, ist es so wichtig, die Flüchtlingskrise wieder in den Fokus zu rücken.“ Das Ziel sei es dabei, „das Potential von Geflüchteten“ hervorzuheben statt nur ihre „schlimmen Umstände“ erklärte Amir Nizar Zuabi, der künstlerischer Leiter des Kollektivs diese einmalige Kunstaktion.

Vergiss uns nicht – The Walk ist ein Aufruf zum Miteinander und vereint Künstler und Künstlerinnen, unterschiedliche Kulturen, Jung und Alt, Arm und Reich. Eine Reise mit vielen Erlebnissen und Abenteuern die einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft zulassen aber auch Momenten der Erschöpfung oder gar Zorn Raum geben. Vielleicht kann diese Aktion dazu beitragen die Grenzen von Politik, Sprache und Kultur zu überwinden? Kunst ist wichtig und könnte mit unserer Hilfe ganz real kulturelle Brücken bauen. Das wäre doch schön…

Foto: Bevan Roos

Aber warum wandert eine Puppe ein Mädchen durch Europa? Die kleine Amal, Little Amal, ist ein besonderes Mädchen, sie ist 3,5 Meter groß, eine riesige Puppe, und die Hauptfigur im Theaterprojekt The Walk. Die Neunjährige wandert stellvertretend für ein kleines, syrisches Mädchen durch halb Europa. „Sie ist aber auch eine große Hoffnungsfigur. In Zeiten wie diesen brauchen wir Kunst mehr denn je, und ich freue mich darauf, dass Tausende von Menschen auf der ganzen Welt die dramatische Reise der kleinen Amal durch Europa auf der Suche nach ihrer Mutter verfolgen können.“ sagt Stephen Daldry, Produzent von The Walk. und so steht die kleine Amal für Tausende von  Kindern, die, wie sie, vor Krieg und Verfolgung geflohen sind.

Um die Puppe zum Leben zu erwecken sind vier Puppenspieler notwendig. Je ein Mann oder eine Frau für jeden Arm, Einer ist für den Rücken zuständig und der Puppenspieler im Bauch der Marionette, hat besonders viel zu tun. Ohne Multitasking läuft da nichts, denn er muss auf Stelzen durch die Landschaft wandern und ist außerdem für die Bewegung des Kopfes und vor allem für die Augen zuständig. Im Bauch laufen sozusagen alle Fäden zusammen und mit der sogenannten Harfe kann der Puppenspieler den Gesichtsausdruck der Figur je nach Situation verändern. Wenn ich mir vorstelle, dass ich dabei auch noch auf Stelzen und in Riesenschuhen gehen müsste… Hut ab vor allen Künstlerinnen und Künstler und allen Helfern!

Drei Jahre haben die Vorbereitungen für Amals Reise gedauert. Momentan ist sie in Italien und macht auf das Elend von Flüchtlingen aufmerksam. Falls ihr neugierig geworden seid und Amal selbst sehen wollt, könnt ihr euch auf der Internetseite von ihr schlau machen. Vom 1. bis 3. Oktober 2021 ist Amal ja, wie ich zu Beginn geschrieben habe, in Deutschland und besucht Stuttgart, Köln und Recklinghausen und soviel ich gelesen habe, sind dort einige tolle Veranstaltungen geplant. Würdet ihr mir dann von eurem Erlebnis erzählen? Das wäre super!

Hier noch ein kleiner Ausschnitt aus einem Interview einer spanischen Zeitung. Ich glaube, diese Frage sollten wir uns öfter selbst stellen – und beantworten.

¿Por qué crees que es importante usar las artes para ayudar a llamar la atención sobre la crisis de refugiados? Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, die Kunst zu nutzen, um auf die Flüchtlingskrise aufmerksam zu machen?

„Wir leben in einer Welt zunehmender politischer Spaltung und polarisierter Meinungen, in der die Rhetorik rund um das Thema Flüchtlinge oft dazu benutzt wird, die Menschen weiter zu spalten. Aber die Kunst hat die Kraft, uns zusammenzubringen. Sie ist eine Geheimwaffe, um ein anderes Gespräch zu führen, und bekräftigt unsere gemeinsame Menschlichkeit ungeachtet dessen, was wir als unsere Unterschiede wahrnehmen. Kunst kann auch marginalisierten und gefährdeten Menschen eine Stimme und eine Plattform geben, indem sie ihre Geschichten positiv darstellt, anstatt sie auf Geschichten der Angst oder des Mitleids zu reduzieren. Der Spaziergang ist ein Fest der Migration und der kulturellen Vielfalt, das von den Beiträgen der Flüchtlinge und Einwanderer erzählen wird. Es zeigt die Geschichte der Flüchtlinge als eine Geschichte von Potenzial, Erfolg, Respekt, Gastfreundschaft und Freundlichkeit.“

Das Wort Flüchtlingskrise könnte man auch mit anderen Krisen ersetzen, die Antwort wär dieselbe, oder?

The Walk – one little girl – on big hope

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La Playa de la Tejita

Eigentlich teilen wir uns montags die Zeit selbst ein, es ist unser freier Tag, sozusagen unser Sonntag. Aber hin und wieder passiert es doch, dass uns unaufschiebbare Sachen einen Strich durch die Rechnung machen. Immer positiv denken ist ja zur Zeit ein sehr häufig und gerne verteilter Ratschlag. Wir haben also unseren Termin erfolgreich in die Mittagszeit gelegt und aus der Fahrt in den Süden noch etwas Gutes gemacht. Wir sind endlich einmal an einen Strand gegangen, an dem wir in all den Jahren noch nie gewesen sind – La Playa de la Tejita. 

Ich bin mir sehr sicher, dass Jeder, der sich für Teneriffa interessiert, den roten Hügel beim Flughafen im Süden kennt. Ist klar, denn er steht ziemlich markant fast am Rande des Flughafengeländes, man kann ihn nicht wirklich übersehen, oder? Wir mussten am Montag nach El Médano und nachdem wir in den vergangenen Wochen schon die Gegend um den Hügel erkundet haben, war dieses Mal einer der schönsten Strände der Insel an der Reihe.

Rund um den Vulkankegel Montaña Roja ändert die Landschaft ständig ihr Gesicht. Eine Weile geht man durch kleine und größere Sanddünen, dann wechseln sich Schotter und Steinplatten ab. Die Farbpalette wechselt von grau zu gelblich, verwandelt sich in tiefes Rot und plötzlich steht man vor einer Landschaft, die mit den weißen Steinplatten fast an eine Mondlandschaft erinnern. Ach ja, fast hätte ich die nachtschwarzen Lavabrocken dazwischen vergessen. So haben wir es bei unserem letzten Ausflug erlebt. Aber das ist eine andere Geschichte…

Neben dem Naturschutzgebiet von Montaña Roja, liegt La Tejita, ein flacher, ganz natürlicher Sandstrand, der ungefähr einen Kilometer lang ist. Und da wollen wir heute hin.

Für unser Auto haben wir auf einem ziemlich robusten Schotterparkplatz neben der Strasse ein Plätzchen gefunden, die seriöse Kleidung wurde schnell im Kofferraum zurück gelassen und dann ging es endlich Richtung Strand. Die Gegend von El Médano ist ja eine der windigsten Ecken der Insel und für den perfekten Wind für Surfer und Kiter bekannt. Nicht umsonst ist der Ort der Surf- Klassiker der Kanaren! Dass hier einmal kein Wind über die Landschaft bläst ist daher eher selten und wäre für uns Nichtsufer wahrscheinlich ein absoluter Glücksfall. Was soll ich sagen? Dieses Glück hatten wir leider nicht und je näher wir dem Wasser gekommen sind, desto spürbarer wurde der Wind.

Aber wir sind ja nicht aus Zucker und der Wind weht hier vor allem in Bodennähe ziemlich stark. Dabei nimmt er natürlich Sandkörner mit und das spürt man auch. Es bläst ein mehr oder weniger recht kräftiger Sandsturm auf die Unterschenkel und massiert sie bis zur Hälfte. Vom Knie aufwärts ist es eigentlich angenehm. Es streicht ein fast zartes Lüftchen über die Schultern und bei der Wärme darf kann man sich darüber wirklich nicht beschweren. Im Gegenteil. Also – Strandvergnügen, kostenloses Peeling inbegriffen, oder suchen wir uns doch ein gemütlicheres Plätzchen an einem anderen Strand?

So schnell geben wir nicht auf und als wir bei unserem ersten Erkundungsgang noch einen freien Steinkreis entdecken ist klar – wir bleiben! Ich hätte mir nie gedacht, dass ein paar locker aufgeschichtete Steine so viel Windschutz geben könnten. Durch die Löcher finden zwar noch immer genügend Sandkörnchen ihre Flugbahn, aber wenn man sich flach auf den Boden legt ist die Welt mit einem Schlag windstill, ruhig und einfach nur schön.

Unser Picknick haben wir allerdings mit vollem Körpereinsatz vor fliegenden Sandkörnern geschützt. Es hat zwar nicht zu hundert Prozent funktioniert, aber das Knirschen zwischen den Zähnen hat sich in Grenzen gehalten.

Ich nehme euch jetzt auf unseren Spaziergang mit und ich hoffe, dass ihr auch auf den Fotos erkennen könnt, wie schön dieser Strand ist. Die Wasser- und Wellenspiele sind faszinierend. Die Wellen sind sanft und kräftig, abwechselnd weich und hart ist der Sand nachdem sich das Wasser wieder verzogen hat. Das Besondere an diesem Strand ist nicht nur, dass er der längste natürliche Strand Teneriffas ist, sondern dass er weder die für Teneriffa so übliche schwarze Farbe hat, noch goldgelb ist. Er schimmert direkt silbrig in der Sonne. Dafür ist der ständige Wind an der Küste El Médanos verantwortlich. Er weht schon seit ewigen Zeiten sehr erfolgreich hellen Sand aus der Sahara, der sich dann ganz friedlich mit dem feinen schwarzen Sand der Insel vermengt hat, an die Küste.

Am Horizont ist vor einiger Zeit ein Schiff aufgetaucht und wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was so ein großes Schiff hier in Küstennähe zu suchen haben könnte. So ein großer Fischkutter direkt am Strand? Ein Forschungsschiff? Es ist keines von beiden. Das Schiff hat den Namen Dácil und fährt unter spanischer Flagge und ist dafür zuständig, dass die Flugzeuge am Flughafen Süd ihre Passagiere wieder heil nach Hause bringen können.

Seht ihr die gelben Bojen im Wasser? Hier ankern die Tankschiffe um über Pipelines den Flughafen Teneriffa Süd mit Treibstoff zu versorgen. Über das Bojenfeld von La Tejita, wird der Treibstoff in CEPSA-Tanks gepumpt und anschließend werden die Flugzeuge über Tanks und das Hydrantennetz versorgt. Vergangenen Montag hat der Tanker Dácil, das jüngste Schiff der Flotte dafür gesorgt.

Die Anlage wurde 1978 errichtet und besteht aus Bojen, die sich nur fünfzig Meter vom Strand entfernt befinden, einigen Schläuchen und einer Pumpstation, die eine Kapazität von dreitausend Kubikmetern hat. Damit am Flughafen der Betrieb reibungslos in Schwung bleibt, wird von den Spezialkraftstofffrachtern mindestens einmal im Monat hauptsächlich Kerosin geliefert.

Warum gerade hier? Neben einem Naturschutzgebiet? Ich weiß es nicht und glücklicherweise gab es in all den Jahren nur ein einziges Mal einen Zwischenfall. Am Nachmittag des 18. Januar 2018 wurde am Strand von La Tejita ein Kerosinaustritt festgestellt. „Una mancha de fuel del aeropuerto obliga a cerrar la playa de la Tejita“ La Opinion de Tenerife hatte am folgenden Tag die Schlagzeile „Ein Kerosinfleck des Flughafens zwingt zur Schließung des Strandes Tejita.“ Das ausgelaufene Kerosin kam von einem schlecht geschlossenen Ventil. Damals wurde überlegt, ob man diese Anlage nicht verlegen sollte oder könnte – aber wie so oft bleibt es wohl bei der Überlegung.

An einer Stelle könnte man glauben, dass ein kleiner See ans Meer angrenzt. Auf einer Seite kräuseln sich die Wellen fast wie auf einem Alpensee im Wind und knapp daneben glätten die Wellen des Atlantiks die Oberfläche des Sandes.

Bei diesem alten Bunker ist dann Ende der Fahnenstange des langen Strandes und wir machen uns auf den Rückweg zu unserer Burg.

Ein wenig später haben wir unsere Siebensachen Habseligkeiten, los trastos, gepackt und uns wieder auf den Heimweg gemacht. Ich muss zugeben, die Fahrt in den Süden hätte sich alleine für diesen Ausflug ausgezahlt. Es war ein wunderschöner Nachmittag an einem einzigartigen Strand – auch wenn der Wind am Ende schon ziemlich an meinen Nerven gezogen hat. Ich bin eben weder Surfer, Kiter oder Segler, der Wind ist zwar nicht mein Feind, aber Freunde werden wir höchstwahrscheinlich nie werden.

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warm, wärmer – Sommer!

Wenn ich die ersten Mitmenschen über die Hitze jammern höre, weiß ich ganz sicher – es ist Sommer! Einfach herrlich. Die Sonne scheint und auch wenn es am Nachmittag in der Sonne zu heiß wird ist das ja kein Problem, oder? Es gibt ja auch Schatten. Okay, hier bei uns auf der Insel sorgt seit zwei Tagen der Calima noch für zusätzliche Grade in den höheren Lagen und in einigen Gegenden bringt er als Draufgabe nicht unbedingt angenehmen Sand aus der Sahara mit… Was soll’s, die Natur richtet sich eben nicht nach der Meinung von uns. Es ist Sommer!

Deshalb sind wir am Montag an den Strand gefahren. Der Montag ist normaler weise der perfekte Tag dafür, denn am Wochenende sind die Plätze am Meer natürlich bei allen Inselbewohnern heiß begehrt. Wir haben nur nicht daran gedacht, dass an diesem Montag sozusagen ein Feiertag im Kalender stand. La Fiesta de la Asunción, also Mariä Himmelfahrt war zwar am Sonntag, doch wenn ein wichtiger Feiertag auf einen Sonntag fällt, wird der freie Tag sehr oft am Montag nachgeholt. Wir haben daran leider nicht gedacht und deshalb ging kurz vor Garachico auf der Strasse plötzlich gar nix mehr. Die Autoschlange zog sich durch den ganzen Ort und warum? Schuld an diesem Stau sind eindeutig die Autofahrer gewesen, die einen Parkplatz gesucht und – vielleicht – auch einen ergattert haben.

Nachdem wir den kleinen Ort hinter uns gelassen haben, war alles wie immer, eitel Wonne, Sonnenschein. Keine Autoschlangen und kein Stau, jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis wir uns in den Sand setzen können. Nachdem wir ja intelligent sind und glücklicherweise vorgewarnt wurden, haben wir das Auto ungefähr einen Kilometer vor dem offiziellen Parkplatz in den Schatten gestellt – und das war gut so, denn der Parkplatz war wirklich knallvoll. Da hätte der kleinste Kleinwagen keinen Platz mehr gefunden.

Ihr habt jetzt mit Sicherheit einen total überfüllten Strand vor Augen. Stimmt’s? Aber dem war nicht so! Wir haben einen wunderschönen Nachmittag bei angenehmen Temperaturen am Strand verbracht. Einfach nur wunderschön!

Zu erzählen gibt es nicht mehr viel, deshalb lasse ich heute einmal Bilder und einen klugen Mann der Insel sprechen. Klickt euch einfach durch die Galerie am Ende des Beitrags Hasta pronto!

„Wenn Sie vom Strand von Las Arenas Richtung Fraile fahren, scheint es, als würden Sie die Seiten eines Buches der Legenden betreten, und das Abenteuer wird Sie an jeder Wegbiegung überraschen. Schmale Straßen grenzen an Bauernhöfe, Araukarien, Lorbeerbäume und ungewöhnliche Kakteen lugen aus den Löchern der Steinmauern und wachen über uns.

La Playa de las Mujeres ist ein sorgfältig gehütetes Geheimnis. Das Meer öffnet sich uns mit seiner Wildheit. Die Wellen streifen die Felsen und hinterlassen weiße Fäden aus Meerschaum, die sich in der Schwärze der Oberfläche verfangen. Der Sonnenuntergang malt die Landschaft mit unvorstellbaren Farben, um die uns die fauvistischen Maler beneiden. Das Meer wartet, versteckt hinter den Feldern. Das Meer plätschert, bewacht von zerzausten Gebüsch. Der Strand ist rau mit seinem schwarzen Sand und kleinen Buchten, mit den Felsen, die aus dem Wasser auftauchen, als würden sie mit der Natur spielen, um sich zu verstecken und wieder aufzutauchen.

Nur der riesige Schatten des Berges lässt uns erschaudern angesichts der unermesslichen Schönheit des Unberührten, des Natürlichen. Dieser Ort mit seinen unaufhaltsamen Wellen und rebellischen Felsen konnte nur nach freiheitsliebenden Frauen benannt werden.

Der Strand erwartet uns, die Wellen verführen uns, die Gischt, die ständig mit dem Felsen streitet, erzählt uns von fantastischen Legenden, die die Liebhaber des Meeres und der Schimären in ihren Buchten schrieben.

Vielleicht werden wir die grünliche Silhouette von San Borondón aus dem Wasser auftauchen sehen. Vielleicht hören wir bei Sonnenuntergang die Wasserkinder singen, die glücklich auf dieser imaginären Insel leben. Vielleicht gibt es keine Orte mehr für die Phantasie, und nur dort, im vergessenen Meer, können wir noch träumen, wir selbst sein, in Freiheit schreien. Vielleicht sind wir uns der vielen Bindungen, der vielen nutzlosen Bürokratien, der vielen nutzlosen Ämter nicht bewusst. Regeln, Regeln, Regeln… … ¿Dónde quedan las ilusiones? Wo sind die Illusionen? Die Insel San Borondón wartet auf uns. Aber auf dieser Insel können nur Träumer leben…“

Ernesto R. Abad http://ernestorodriguezabad.com Direktor des Los Silos International Short Story Festival, Professor an der Universität von La Laguna, Philologe und Schriftsteller.

Schöner kann man diesen Strand nicht beschreiben…

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Weiblich oder männlich?

¿Femenino o macho masculino? ¿mujeres o hombres? Spielt sich der kleine Unterschied wirklich nur im Gehirn ab? „Frauen denken anders. Männer auch.“ Diese Feststellung habe ich vor kurzem irgendwo gelesen. Das regt zum Nachdenken an. Ergibt diese Aussage überhaupt einen Sinn?   

Von Verallgemeinerungen halte ich nicht viel – und von der verfälschten Emanzipation auch nicht. Männlein und Weiblein sind eben verschieden und das sollte meiner Meinung nach auch so bleiben. Das heißt allerdings nicht, dass diese Einstellung der Freifahrschein für unterschiedliche Entlohnung für die gleiche Leistung sein soll! Ich finde nur, dass Frauen weiblich und Männer männlich sein bleiben sollten. Unterschiede machen das Leben spannend und schön. Denn wenn Gleichberechtigung unter das Motto „Frausein verboten, Mannsein auch?“ fällt, dann sind wir in der menschlichen Entwicklung zwar weit gekommen – aber irgendwie wohl auch zu kurz?! Frau will immer noch gern Frau sein und Mann sollte sich trauen, Mann zu bleiben.

Männersache – was ist das eigentlich? Ich meine damit nicht die Beziehungskiste zwischen Mann und Frau. Dass Männer und Frauen unterschiedlich sind, ist wahrscheinlich auch keine große Neuigkeit. Es geht hier auch nicht um äußerliche Unterschiede sondern einfach um selbstverständlich aufgeteilte Lebensaufgaben.

Grillen auf offenem Feuer  – Männersache. Geschirr abwaschen – Frauensache. Bier trinken – Männersache. Bier brauen – war allerdings schon bei den Germanen Frauensache. Es gehörte in die hauswirtschaftliche Abteilung – wie Kochen und Backen. Ein Vollbart – ist und bleibt Männersache, aber Nägel lackieren ist keine reine Frauensache mehr.

Eine Frau begehren und hofieren – meistens immer noch Männersache. Begehrt und verehrt werden – hoffentlich nicht nur Frauensache. Auto auf Hochglanz polieren – Männersache. Die Wohnung putzen, den Staubsauger und die Waschmaschine starten – Frauensache, denn in dieser Beziehung fehlt Männern jegliches technische Verständnis. Jeder Mann sollte ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen – Männersache. Doch alles in Ordnung halten fällt dann der Frau in den Schoss, also ist der Rest dann wohl – logischer Weise – Frauensache! Angst vor Mäusen – Frauensache. Erlegte Mäuse aus Fallen entsorgen befreien – Männersache. Das weiß ich ganz genau!

Trotz all dieser Klischees – Mann und Frau sind gleichwertig, weil beide als einzige Wesen eigenhändig von Gott erschaffen worden sind. Oder will irgendjemand etwas anderes behaupten?

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Montaña Roja – der rote Berg

Was sieht man als erstes, wenn man auf Teneriffa landet? Und worauf fällt der letzte Blick beim Abheben des Flugzeugs? Es ist ein eigenartig geformter Hügel an der Küste, la Montaña Roja, übersetzt der rote Berg. Als ich das erste Mal auf die Insel kam, war es für mich ein roter Felsen an der Küste, sozusagen ein natürlicher Wegweiser zum Flughafen im Süden und ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich irgendwann einmal darauf herumspazieren würde. Aber wie so oft, kommt es anders als man denkt.

Wir sind gerne in der Natur unterwegs, aber wir sind eher Spaziergänger oder Wanderer und keine Bergsteiger. Bergaufgehen kann man auf der Insel fast überall, denn irgendwie ist die ganze Insel ja nur ein Berg im Atlantik. Wanderer und Bergsteiger haben hier eine Auswahl an Zielen und Touren die sicher keine Wünsche offen lässt. Egal ob sanfte Hügel oder steile Felswände, Wanderwege entlang der Küste oder durch den Wald. Der Gipfel des höchsten Berges Spaniens lockt zu einem Aufstieb – aber es muss ja nicht immer der Teide sein, oder?

Der Montaña Roja ist natürlich kein Felsen an der Küste, es ist auch kein auffälliger Vulkan sondern der Rest eines alten Schlackenkegels aus Lava und Asche, der vor vielen Tausend Jahren beim Ausbruchs eines Vulkans hier an der Küste ausbrach. Mittlerweile ist das gesamte Gebiet rund herum zum Naturschutzgebiet, Reserva Natural Especial, erklärt worden, denn hier ist auch die einzige, gut erhaltene Dünenlandschaft der Westlichen Kanaren.

Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hier ziemlich intensiv Tomaten angebaut worden sind. Wie war das möglich in dieser steinigen und trockenen Landschaft? Wenn man genau hinsieht erkennt man zwischen den natürlichen Steinen sogar noch die versteinerten Ausscheidungen der Wasserkanäle. Wunderschön geformte, weiße Steinbrocken, die verteilt zwischen den meistens vertrockneten Pflanzen liegen. Mit den Tomaten hat auch die Geschichte des legendären Hotels El Médano zu tun, denn ursprünglich war dieses Gebäude eine Verpackungsstation für die begehrten Früchte und wurde aus diesem Grund direkt ans Meer gebaut. Aber das ist eine andere Geschichte, heute erkunden wir einmal die Gegend rund um den roten Berg.

Über sandige Wege, vorbei an vielen kleinen Sanddünen machen wir uns auf den Weg Richtung Montaña Bocinegro. Er ist der kleine Bruder des 171 Meter hohen Roten Berges an seiner rechten Seite und kann immerhin stolze 36 Meter vorweisen.

Auf dem Weg zum „Gipfel“ kommen wir an einem recht gut erhaltenen Bunker vorbei. Ich habe keine Ahnung warum vor allem in der Gegend rund um El Médano so viele dieser eigenartigen Bauwerke an der Küste verteilt worden sind. Gedacht waren diese Bunker für die Verteidigung im Zweiten Weltkrieg, aber ich glaube, es war ganz gut, dass sie nie gebraucht worden sind, denn ob man damit die Insel verteidigen hätte können kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Heute sind die Eingänge meistens zugemauert und die Bunker selbst dienen als gern genutzte Motive für Urlaubsfotos von Besuchern aller Herren Länder.

Nachdem unter uns eine schöne, einsame Bucht lockt, geht es erst einmal ans Meer und nicht auf den Berg. Unseren Rastplatz haben wir dieses Mal in einer sehr farbenfrohen Bucht gefunden. Tiefrote Sandsteine rund um uns garantieren Schutz vor Wind, leises Plätschern der Meereswellen ist für die Hintergrundmusik zuständig. Für angenehmen Schatten sorgen in dieser kargen Gegend zum Glück ein paar Wolken – beste Voraussetzungen um die Seele baumeln zu lassen.

Weiter geht unser Spaziergang an der Küste und die Landschaft verändert sich bald komplett. Von dunkelrot verfärbt sich Umgebung bald in ein gelblich, graues Weiß. Aus der Ferne sieht es aus, als ob jemand aus Jux und Tollerei einfach ein paar Betonladungen ausgekippt hätte.

Das ist natürlich nicht der Fall, hier hatte nur die Natur ihre Finger im Spiel. Sie hat im Laufe der Jahrtausende Sand mit Hilfe von Meereswellen, Regentropfen, Hitze und Wind in fantasievoll geformtes Sandgestein verwandelt.

Hier kommt es mir vor, als ob ich auf einem anderen Stern gelandet wäre, dabei sind wir nur ein paar Schritte von der Zivilisation entfernt. Beim Überqueren der versteinerten Landschaft sieht die Gegend auf den ersten Blick vollkommen verlassen und öde aus, aber hier wachsen sogar einige Pflanzen und ein paar Sonnenanbeter haben sich ebenfalls hierher verirrt. Ein paar ist vielleicht übertrieben, aber zwei von unserer Art haben es sich wirklich hier gemütlich gemacht.

Dieser versteinerte Weg führt uns wieder zurück in die rot gefärbte Landschaft und wir steigen am Ende unseres Ausflugs doch noch auf den Roten Berg. Der Weg nach oben ist an einigen Stellen durch losen Schotter und feinen Sand auf den Steinen recht rutschig was aber einen Burschen nicht daran hindert im Laufschritt Richtung Küste zu hecheln. Naja, zum Glück kann das ja jeder machen wie er will, ich hätte Angst, dass es mir den Boden unter meinen Füßen wegzieht. Unfreiwillig möchte ich mich hier nicht auf den Hintern nieder setzen.

Von hier hat man einen tollen Ausblick auf die Bucht von El Médano und auf den Strand auf der anderen Seite des Hügels, La Playa Tejita. Was mir aufgefallen ist – der Himmel war bis auf die Wolken vollkommen leer. Es war kein einziges, buntes Segel in der Luft. Ich glaube, so habe ich den Himmel über dem Strand hier noch gar nie gesehen. Die vielen Kitesurfer gehören hier eigentlich zum Bild wie der Sand zum Strand.

Da unten, rechts von der Straße haben wir unser Auto geparkt. Neben dem Wohnmobil steht ein rotes Auto und daneben müsste unser fahrbarer Untersatz stehen. Eigentlich. Aber ich kann es nicht sehen. Verflixt, es wird ja nicht jemand geklaut haben? Oder hat es sich gar in Luft aufgelöst?

Wir sind mit einem ziemlich eigenartigen Gefühl zurück marschiert. Auch als wir schon direkt an der Strasse angekommen waren, haben wir unser Auto nicht gesehen. Erst als wir auf den Parkplatz gekommen und um die parkenden Autos herum gegangen sind – war es plötzlich wieder da! Der weiße Wagen, der neben uns eingeparkt war, hat unser Gefährt vollkommen verschluckt. Ende gut – alles gut. Dem nächsten Ausflug steht nichts mehr im Weg.

Ach ja, während des ganzen Nachmittags sind zwei Flugzeuge am Flughafen gelandet…

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Corpus Christi 2021 in La Orotava

Alle Jahre wieder, genau eine Woche nach Fronleichnam, Dia de Corpus Christi, verwandeln sich die Straßen und Gassen von La Orotava in eine bunte Welt mit Teppichen aus Blumen, färbigen Sand, die schließlich alle auf dem mit einem riesigen Sandbild geschmückten Rathausplatz zusammenlaufen. Dort wird schon Wochen vor dem Fest an der Hauptattraktion gearbeitet. Der wohl berühmteste Teppich des Festes ist der Sandteppich. Jahr für Jahr malen die Alfombristas ein über 800 Quadratmeter großes Gemälde mit verschiedenen biblischen Episoden aus Sand auf den Boden des Platzes vor dem Rathaus der Stadt. Kurz nach Ostern geht es los. Zwanzig Alfombristas, wie die Sandmaler genannt werden, beginnen mit ihrer Arbeit. Im vergangen Jahr ist das Fest aus bekannten Gründen ja vollkommen ins Wasser gefallen und auch in diesem Jahr war alles anders…

Die Balkone und Fassaden der Häuser in der Innenstadt waren wunderschön geschmückt, doch die bunten Hauptdarsteller in den Gassen haben gefehlt – die Blumenteppiche! So leer sind die Strassen der Stadt an diesem Feiertag wohl schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen. Dort, wo sich sonst tagsüber Menschenmengen neben den Kunstwerken über das Kopfsteinpflaster schieben und hunderte Kinder und Erwachsenen noch an ihren Blumenteppichen arbeiten, spazierte eine überschaubare Menschenmenge zur Kirche und weiter zum Platz vor dem Rathaus.

Neben dem Teppich aus Sand, der vor dem Rathaus liegt, werden normalerweise noch dreißig weitere Teppiche hergestellt. Wer an diesem Tag in La Orotava ist, erlebt einen richtigen Blütentraum in den Strassen und Gassen der Altstadt und ein feiner Duft von Heidekraut liegt in der Luft. Leider haben die Prunkstücke aus Blumenblättern und Heidekraut nur ein sehr kurzes Leben, denn sie schmücken die Strassen nur bis zum Abend, bis die Prozession darüber geht. Aber heuer ist eben alles ein bisschen anders.

Auch vor dem Rathaus war die Menge der Bewunderer ziemlich überschaubar und oft hatte ich das Gefühl, dass mehr Sicherheitsmänner als Besucher in der Gegend herumstanden. Außerdem wurden überall fleißig Kameras aufgebaut und Kabel verlegt, denn am Abend wurde die Messe in der Kirche und vielleicht auch eine kleine Prozession für alle, die sonst auf der Strasse feiern, in die heimischen Wohnzimmer übertragen.

Seit vielen Jahren habe ich gestern den Sandteppich von La Orotava das erste Mal vollkommen fertig und frei liegend gesehen – und es war ein ganz besonderer Teppich. Normalerweise kann man den kunstvoll gestalteten Teppich aus dem Fenster im ersten Stock des Rathauses fotografieren, aber gestern sind die Türen leider verschlossen geblieben, deshalb zeige ich euch hier ein offizielles Foto der Stadt. So sieht das Gesamtkunstwerk von oben gesehen aus.

Seht ihr das große C links im Bild? Dahinter versteckt sich eine Erinnerung an einen der ersten Teppiche auf diesem Platz. Im Jahr 1919 gestaltete Don Felipe Machado y Benitez de Lugo, den ersten Teppich für Corpus Christi auf dem Platz des Rathauses von La Orotava. Damals bestand der Teppich noch aus Blumen und nicht aus Sand. Er legte das Wort Corpus mit Blumen aus, aber da das C eine Größe von 20 Metern hatte, erkannten die meisten Betrachter den Buchstaben nicht und viele Leute glaubten, dass Don Felipe auf Grund seines Alters schon etwas vergesslich geworden wäre und statt Corpus nur orpus geschrieben hätte. Diese Anekdote wird heute noch gerne erzählt, sie erhält diesen Teppich wohl für immer lebendig und das Kunstwerk von damals hat in verkleinerter Darstellung wieder auf den Platz zurück gefunden.

Das Motiv des Teppichs ist immer eine Verbindung aus Religion und dem Bezug zu aktuellen Problemen und wird niemals wiederholt. Jahr für Jahr wird der Teppich also neu entworfen. Meistens besteht er aus drei Bildern, die mit Blumen und geometrischen Mustern umrahmt werden. Der Teppich 2021 nimmt zwar den ganzen Platz ein, die drei klassischen Teile sind allerdings auf den Mittelteil zusammengeschrumpft worden und sind eine Danksagung an alle Freiwilligen Helfer und das Gesundheitspersonal des vergangenen Jahres. Der religiöse Teil würdigt die Heilige Familie und das 150jährige Jubiläum der Schutzherrschaft von San José.

Da es nicht möglich war, die Gassen mit Blumenteppichen zu schmücken, wurde in diesem besonderen Jahr der linke und recht Rand des Bildes mit zwei Bordüren aus Blütenblättern abgeschlossen. Wenn schon nicht in den Gassen, dann wenigstens hier!

Der Sandteppich vor dem Rathaus ist ein Thema, die vielen Blumenteppiche sind ein anderes Thema. Beide zusammen ergeben das Gesamtkunstwerk Corpus Christi en la Villa de La Orotava. Diese Art der Blumendekoration wurde wahrscheinlich Anfang des 17. Jahrhunderts als Blumenfest in Rom erfunden, aber in den Gassen und Strassen von La Orotava wird es Jahr für Jahr wiederbelebt. Am 20. Mai 1956 konnte man in der Zeitung  Canarias folgendes lesen: „Wenn es einen Ort auf Teneriffa gibt, der sich durch seine besondere Frömmigkeit hervortut, dann ist das La Orotatva. Hier gibt es religiöse Riten, die man als außerordentlich bewundernswert bezeichnen kann – die Blütenteppiche zu Corpus Christi“. Aus einer kleinen, blumigen Geste von Leonor del Castillo y Betancourt, die 1847 den ersten Blütenteppich zur Corpus Christi Prozession legte, ist eine Tradition geworden

Vor der Heimfahrt haben wir noch einen Abstecher in die festlich geschmückt Kirche, la Iglesia de la Concepción gemacht. Auch hier haben sich die Verantwortlichen der Stadt einen Rundgang für alle Besucher ausgedacht und Sicherheitsmänner haben dafür gesorgt, dass das Eisenbahnsystem auch verlässlich von allen eingehalten wurde. Die Männer, die ihr hoch oben im Turm sehen könnt, waren für das Läuten der Glocken zuständig. Welche Bedeutung das hat, weiß ich leider nicht – aber es war laut, sehr laut!

Im Inneren der Kirche empfing uns angenehme Stille und kühle Luft. Vor dem wunderschön mit Blumen geschmückten Altar wurde sowohl ein kleiner Blumen- als auch ein Sandteppich gelegt. Es war alles bereit für die abendliche Messe, alles wie immer könnte man glauben – nur eben ein bisschen anders…

Die ganze Geschichte über die Blumenteppiche und den ganz besonderen Teppich aus Lavasand vor dem Rathaus in La Orotova könnt ihr in meinen Beiträgen aus den vergangenen Jahren nachlesen – Corpus Christi, nach dem Fest… hasta pronto….

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Eine Palme wird erwachsen

Als wir vor vielen Jahren unsere Finca in Santa Bárbara gekauft haben, stand eine einzige, große Palme auf dem gesamten Gelände in der Landschaft. Einsam und verlassen vor einem mehr als baufälligen Haus, wie ein verantwortungsbewusster Kapitän auf der Brücke seines untergehenden Schiffes. Ein Fels in der Brandung.

ein paar Jahre später…

Das ging gar nicht und deshalb wollten wir diesen Zustand so schnell wie möglich ändern. Palmen, Sonne und Meer gehören zu dieser Insel wie die Sterne zum Mond und dem Nachthimmel, oder?

Bevor wir uns also an die Renovierung, oder besser gesagt an die Wiederbelebung der Finca machten, wurde gepflanzt. Die Gärtnereien rund um Icod de los Vinos hatten ihre Freude mit uns, das könnt ihr mir glauben. Aber die Botanik ist eine andere Geschichte, heute möchte ich euch unser Schmuckstück und den Star des Tages vorstellen. Wir haben das jetzige Prachtstück nicht einmal in einer Gärtnerei erstanden sondern es, wahrscheinlich von einem Vogel, geschenkt bekommen. Das Samenkorn muss im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel gefallen sein, denn auf der Finca stand keine Kanarische Palme.

Bei unseren Rodungsarbeiten ist uns dann eines Tages ein zartes Palmpflänzchen zwischen die Finger gekommen. Wir haben sie zuerst einmal in einen Blumentopf gerettet und nach einem, oder zwei Jahren in die freie Wildbahn entlassen. Wie durch ein Wunder hat sie sämtliche Bauarbeiten und Bauarbeiter gut überstanden und überlebt. Wenn ihr auf dem Foto genau hinseht, könnt ihr sie in Jugendjahren hinter den blühenden Callas entdecken.

Die kanarische Palme, botanisch Phoenix canariensis, ist nur eine von über zweitausend Arten Palmenarten die es auf der ganzen Welt gibt und sie ist auch die einzige endemische Art auf allen Kanarischen Inseln. Auf Teneriffa, gibt es viele endemische Pflanzen, aber nicht alles was hier wächst und blüht stammt auch wirklich von hier. Die Phoenixpalmen waren ursprünglich in Vorderasien zu Hause und von dort aus haben sie sich nach Indien und Nordafrika auf die Reise gemacht ausgebreitet. Heute wachsen sie hauptsächlich in den tropischen und subtropischen Regionen Afrikas, auf einigen Inseln im Mittelmeer, auf den Kanarischen Inseln und den Azoren.

Palmen sind, wie wir alle wissen, keine Bäume. Der Stamm ist relativ dünn und erscheint nur durch die Überbleibsel der abgeschnittenen Palmwedel dick und wuchtig. Er ist auch nicht aus Holz, auch wenn es so aussieht und die Wedel eher verholzen als verrotten. Der Schein trügt wieder einmal, genau wie bei den Früchten der Palme.

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Sie sehen aus wie Datteln, sind aber keine. Zumindest keine Delikatessen. Mir haben zwar zwei alte Canarios erzählt, dass sie die Früchte als Kinder gegessen haben. Typisch, Kinder probieren ja alles aus. Meine Freundin und ich haben auch den Saft aus den Stängeln vom Sauerampfer probiert, ob er mir heute noch schmecken würde, bezweifle ich stark. Also, auch wenn die Datteln der Kanarischen Palme essbar sind, bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch gut schmecken. Wahrscheinlich trifft hier eher nicht giftig als essbar zu.

Auf den Kanaren wurden in vergangenen Zeiten mit den Palmblättern nicht nur Hausdächer gedeckt und Hütten gebaut, sie wurden auch an Tiere verfüttert. Heutzutage werden aus den Palmenwedeln Besen, Matten, Decken und Körbe hergestellt. Mit viel Glück sieht man, vor allem in Santa Cruz, noch ab und zu einen Straßenkehrer, der mit den lang geschwungenen Blättern die Straßenränder fegt. Ein Überbleibsel aus alten Zeiten, dass im Grunde genommen fast überall durch lautstarke Laubbläser ersetzt worden ist.

In freier Natur und an einem guten Standort werden die Palmen bis zu fünfzehn Meter hoch – habe ich gelesen. Wie hoch unser Exemplar jetzt ist kann ich nur schätzen. Vielleicht sechs Meter? Auf alle Fälle müssen wir uns für die Zukunft eine längere Leiter kaufen, denn bei diesem Schnitt der Palmwedel hat Georg die letzte Sprosse der Leiter erreicht. Ende der Fahnenstange!

übrigens – anders wie man vermuten könnte hat nicht La Palma den größten Palmenbestand der Kanaren, sondern La Gomera. Auf einer der kleinsten Inseln sollen mehr Palmen als auf allen anderen Inseln zusammen gezählt wachsen. Obwohl die Palmen offiziell nie gezählt wurden, wird der Bestand der Phoenix Canariensis auf weit über 100.000 Exemplare geschätzt. Die Palme steht unter Naturschutz und wurde 1999 zum offiziellen Wahrzeichen La Gomeras ernannt und dürfen nur mit einer Genehmigung der Inselregierung gefällt werden.

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